Zum Abschied sag ich leise: "Scheiße!"

Mein Onkel hat sich jetzt selbst in ein Seniorenheim eingewiesen, weil er im Moment nur sehr schlecht laufen kann und sich insgesamt fragiler fühlt. Noch geht er davon aus, dass es lediglich vorübergehend sein wird und er nachhause kann, wenn das mit dem Laufen wieder besser klappt. Wir werden sehen. Ist euch aufgefallen, dass ich gerade "eingewiesen" geschrieben habe? Das trifft die Sache tatsächlich ziemlich gut.

Als ich ihn heute besuchte saß er in der sog. "Cafeteria". Das ist ein Aufenthaltsraum, in dem auch die Mahlzeiten verteilt werden. Dort traf ich neben meinem Onkel auf ca. acht weitere Zeitgenossen, die da schweigend rumsaßen. Totenstille, unterbrochen nur ab und an von eruptiven lauten Gesangseinlagen einer Frau, die ihre Sprache bereits verloren hat und daher beherzt das Lied vom Planeten "Gibberish" trällerte. Begleitet wurde sie manchmal von einem schwer atmenden Herren, der mehr so ein Mantra aus leisem Gestöhne von sich gab. Dazwischen immer wieder längere stille Pausen. Mein Onkel kommentierte den Zustand gelegentlich leise mit so einer Mischung aus Galgenhumor und Ratlosigkeit, hinter der sich das Entsetzen wohl lauernd duckte. Ja, er will unbedingt wieder weg von da. Wer wollte das nicht? Aber er ist nur verhalten optimistisch. Er würde selbst dann sein weiteres Leben gut planen müssen. Weil er ist Single. Er hat niemanden, der sich intensiver um ihn kümmern könnte.

Als ich so bei ihm hockte und die Eindrücke in mich aufsaugte fühlte ich innerlich eine Eiseskälte hochsteigen. Weil ich genug Phantasie besitze, mich in seine Lage zu versetzen. Was für eine deprimierende Scheiße Altwerden doch ist. Zumindest ab dem Punkt, an dem der Körper allmählich seinen Dienst versagt und man schleichend in die Abhängigkeit von Anderen und Institutionen gerät. Durch meinen Kopf wirbelten alle möglichen unangenehmen Gedankenfetzen: Die totale Einsamkeit des Lebensabends. Verbannt in die Fremde, herausgerissen aus seinem bisherigen gewohnten Leben. Diese fremde Welt ist ein Ort ohne echte Freunde und ohne wirkliche Ziele. Du bist nicht mehr du selbst. Ein Pflegefall. Quasi ein ungeliebtes "Neugeborenes" ohne Familie und ohne Aussicht auf ein richtiges Zuhause. Dein vergangenens Leben ist nur noch ein verblassender Traum, an den du dich irgendwann vielleicht nicht mal mehr erinnerst. Spätestens dann, wenn du die erste Strophe des Songs vom Planeten "Gibberish" mitsingen kannst. Kein Happy End am End.

In ein paar Jahrzehnten bin ich ebenfalls in dem Alter. Wo werde ich dann sein? In der Schweiz gäbe es ja einen "Notausstieg". Wenn ich mir so ein langsames, trauriges Ende im Seniorenheim betrachte, dann überlege ich mir schon, ob man ab einem gewissen Alter nicht besser ein paar alternative Möglichkeiten, bzw. Abkürzungen parat haben sollte. Warum sollte man sein Leben so idiotisch enden lassen?

Natürlich ist das jetzt leicht so dahingesagt. Ich denke, dass wohl beinahe jeder im Angesicht des langsamen Abschieds von Angehörigen ähnliche Pläne schmiedet. Und doch hocken auch sie dann irgendwann geschlossen in der "Cafeteria" herum und flüstern ihrem Besuch mit einem gebrochenen Lächeln zu, dass es einfach nur furchtbar sei. Schrecklich.

Warum dürfen wir nicht selbstbestimmt und durch entsprechende Profis gut organisiert aus dem Leben scheiden, noch bevor Leiden und Agonie das Zepter an sich reißen? Mit Hilfe von Psychopharmaka eine finale schöne Zeit und der Tod kommt zuletzt vom "Reisenden" unbemerkt und gänzlich unbeachtet. Es gäbe doch so tolle Chemie. Aber nein. Verrecken ist Ehrensache und göttlicher Auftrag. Stimmt's nicht Mutter Teresa …?

Sterben, Sterbehilfe, Altersheim, Seniorenheim

https://youtu.be/KpDGuK-mvbc

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