Zwei Außenseiter im Gespräch. Ein Abend mit Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide

Taschenkontrollen, Polizeipräsenz, es ist ein spannender Abend, getragen von zwei Männern, die wegen Morddrohungen unter Polizeischutz stehen: Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide. Der Eine ist ein bekannter Kritiker des gegenwärtigen Islams, der Andere ein liberaler islamischer Theologe.

Abdel-Samad ist ein streitbarer Mann. Er kritisiert den von Muslimen als göttliches Werk betrachteten Koran und er kritisiert den von vielen Muslimen nach wie vor als Propheten verehrten Religionsstifter Mohammed. Zimperlich geht er dabei nicht vor. Wortwörtliche Auslegung des Koran, im innerislamischen Diskurs allgemein verbreitet, legitimiere Terrorismus und Gewalt gegen Nichtmuslime, Frauen, tatsächliche oder vermeintliche Apostaten. Mohammed selber sei ein Mann mit allerlei psychischen Problemen gewesen, der halluziniert habe.

Die Vorwürfe sind hart, aber wer Abdel-Samad zuhört, merkt schnell, dass er kein plumper Muslimhasser ist. Er will den Islam nicht generell verteufeln, aber in der islamischen Welt einen Aufklärungsprozess voran bringen. Die islamisch geprägten Gesellschaften sollen sich von den Fesseln eines erstarrten, fundamentalistischen Religionsdiskurses und patriachalisch-feudalistischen Denkmustern emanzipieren, in denen er den Hauptgrund für die vielen Probleme der islamisch geprägten Welt sieht. Der Koran und der Prophet werden im innerislamischen Diskurs nicht hinterfragt. Abdel-Samad bricht dieses Tabu.

Für seine Thesen wird er von muslimischer Seite in der Regel hart angegriffen. Er arbeite unwissenschaftlich und sei von persönlichem Hass auf den Islam geprägt, manche werfen ihm schlicht vor, er sei islamophob. Radikale Islamisten wollen seinen Kopf. Wenige machen sich die Mühe einer konstruktiven Auseinandersetzung. Zu diesen Wenigen gehört der islamische Theologe Mouhanad Khorchide. Khorchide verteidigt den Koran gegen die Vorwürfe Abdel-Samads, spricht sich aber für eine historisch-kritische Lesart des Textes aus. Zwar hält er, im Gegensatz zu Abdel-Samad, daran fest, dass der Koran von Gott offenbart sei, aber besteht er darauf, dass dessen Inhalte für die Menschen des 7. Jahrhunderts offenbart worden sei. Die politischen und juristischen Inhalte seien entsprechend den Anforderungen der damaligen Zeit formuliert worden und nicht für die Gegenwart gültig. Lediglich die spirituelle Inhalte seien auch für Gegenwart von Bedeutung. Hier vertritt er die These eines barmherzigen, gnädigen Gottes.

Auch Khorchide ist mit seinen Thesen eher ein Außenseiter im innerislamischen Diskurs. Anders als in Fragen über die göttliche Herkunft des Korans sind sich Beide einig, dass die Islamverbände viel zu viel Einfluss bekämen. Obwohl sie maßgeblichen Einfluss an der Entstehung von Parallelgesellschaften hätten, verweigerten sie sich abseits von oberflächlichen Toleranzbekundungen auf Dialogveranstaltungen einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Islam. Mit den Islamverbänden, die nur eine Minderheit der deutschen Muslime vertreten, die Integrationsprobleme von Muslime zu überwinden versuchen, bedeutet nach ihrer Lesart, den Bock zum Gärtner zu machen.

Es ist spannend zu sehen, wie hier der entschiedene Religionskritiker Abdel-Samad auf der einen und der Theologe Khorchide auf der anderen Seite interagieren. Zwar ist es ein Schlagabtausch, der aber respektvoll und ohne gegenseitige Beschimpfungen ausgetragen wird. Man wünscht der islamischen Welt solche offenen Diskussionen. Es ist traurig und bezeichnend, dass Abdel-Samad und Khorchide, die schon öfters miteinander diskutierten, bisher aber noch nicht von den Islamverbänden eingeladen wurden.

Die herrschenden Eliten vielen Teilen der islamischen Welt, sind feudalistischem und autoritärem Denken verhaftet. Sie fürchten Meinungsfreiheit, Pluralismus und Säkularisierungstendenzen und verbünden sich mit konservativen islamische Institutionen, die um ihre Macht und ihren Einfluss mit allen Mitteln verteidigen wollen. Gemeinsam bilden sie eine Allianz wider die gesellschaftliche Modernisierung, gleichsam das islamische Äquivalent zum einstigen Bündnis von Thron und Altar in der christlich-abendländischen Welt.

Der Vorbildcharakter dieser beiden arabischstämmigen Intellektuellen erwächst nicht nur aus den von ihnen vertretenen Positionen, sondern aus der Art und Weise, wie sie den Dialog miteinander führen. Eben dass es ein Miteinander und kein hasserfülltes Gegeneinander ist.

Islamkritik