Almosen suck!

Ich poste diesen Text jetzt mal, der heute auf mich kam, und ich stelle gleich voran, dass ich von diesen Dingen nicht wirklich Ahnung habe. Es handelt sich nur um so ein Gefühl, das nun zu einem Text geronnen ist. Und weil er jetzt nunmal existiert, soll er auch beglücken. Oder verärgern. Eventuell lösche ich ihn auch wieder. Wenn ich ihn morgen lese. Akademisches ist ja nicht so meins. Blindflüge sind es.

Mich regt der "Straßenkreuzer", oder wie er andernorts heißen mag, irgendwie auf. Also nicht die Menschen, die die Obdachlosen-Zeitschriften verkaufen, sondern das Konzept dahinter. Ich habe auch schon ein paar gekauft, aber ehrlich gesagt, mehr als mal reingeblättert hab' ich noch nie. Die Idee, uns Obdachlose so näherzubringen und Ersteren eine Art Job und damit mehr Würde zu geben, ist zwar vermutlich lobenswert, doch scheitert sie glaube ich an der banalen Realität. Der freudig konsumierende Käufer beruhigt lediglich ein wenig sein unterschwelliges schlechtes Gewissen, der Verkäufer kommt sich nicht ganz so bittstellend vor und die Mauer, die beide Welten voneinander trennt, wird zwar ein bisschen durchscheinender, aber auch höher. Beruhigen ist halt nicht wirklich angebracht. Almosen sind nicht wirklich gut. Alles, was Almosen institutionalisiert, zementiert in meinen Augen ihre Notwendigkeit. Anstelle überflüssig zu werden, wird dank christlicher oder sonstwie gearteter Tugendsucht Armut zur Notwendigkeit. Was wäre eine Religion oder unser narzistisches Bedürfnis nach barmherziger Ertüchtigung ohne arme Leute? Eine Binsenweisheit, dass ein reiches Land wie unseres eigentlich niemanden wirklich arm zurücklassen müsste. Aber Armut ist eben nicht nur eine Schicksalsangelegenheit. Sie ist mindestens okay, wenn nicht gar gewollt. Die Kirchen können missionieren oder zumindest für sich werben, Politiker und Prominente sich mit guten Taten hervortun und sich an Agendas abarbeiten und die Ideologie vom Wohl des Tüchtigen erhält ein passendes warnendes Exempel.

Sozialismus, als Gegenentwurf zum "Almosentum", sei ein Gespenst, das das Schlechte im Menschen fördert und das Gute und Nützliche in Wahrheit sabotiert. Wirklich? Was wir keinem Familienmitglied unterstellen und zumuten wollten gilt plötzlich ganz selbstverständlich für die anonyme Masse. Eigentlich sollte man meinen, dass was im Mikrokosmos der Familie richtig ist, auch für die "Großfamilie" Staat gilt. Erst versorgt man sein Kind. Dann schickt man es in die Schule. Erst schafft man Not ab. Dann gibt man dem Gespenst des "Guten im Menschen" mal eine Chance zur Abwechslung. Das kommt dann schon ganz von selbst aus seiner Höhle. "Mitmachenwollen" ist ein Grundmodus des Menschen. Ein elementares Bedürfnis. Aber dazu muss man Bedrohungen bekämpfen. Nicht nur Existentielle. Auch die Arbeitswelt muss sich verändern. Jemand, der seit Jahren diese meidet ist in den seltensten Fällen asozial. Der hat schlicht Angst sich dem wieder auszusetzen, umso mehr, je länger er nicht mehr Teil davon war. Und die kaltherzigen Strukturen fördern seinen Rückzug eher, die institutionell geförderten Armutsstrukturen heißen ihn willkommen. Erst muss man Ängste  mindern. Dann darf man auf Kooperationsbereitschaft hoffen. Die Architekten der Armut wissen das aber scheinbar nur zu gut. Deshalb sind viele scheinbare Fördermaßnahmen und -hilfen eine halbgare Farce. Es reicht nicht nur Qualifikationen zu fordern und zu fördern. Man muss die Kälte aus dem System kriegen.

Langjährige Obdachlose schwören nicht selten auf ihre wiedererlangte Freiheit in Armut. Warum wohl? Sie wollen nicht mehr unter die Räder dieser eiskalten Maschinerie geraten, die mehr zurückdrängt, als umarmt. Die viel mehr fordert, als aufrichtig fördert. Und wer suchtkrank ist oder seelisch krank, bzw. irgendwann sicher beides, verdient auch keine Almosen sondern Hilfe und nach wie vor eine lebenswerte Existenz. So gut es geht. Keine Hiebe mit der "Selberschuld"-Peitsche und eitlen Groschenregen.

Arm zu sein wird irgendwann zum Stigmata. Als ob man schon so geboren worden, als ob man eine eigene Lebensform sei, ohne eine Vorgeschichte. Hast du keinen Wohnsitz, bekommst du keine Arbeit. Hast du keine Arbeit, keinen Wohnsitz. Plötzlich bist du in dieser Rolle gefangen. Die akzeptierte Höchststrafe für Verfehlungen, falsche Entscheidungen und Schicksalsschläge in deinem vorherigen Leben. Jetzt sollst du diesen "Job" erfüllen, den eine Gesellschaft mit ihren Werten und Tugenden offenbar braucht, um sich in ihnen zu üben und zu bestätigen. Arm zu sein, noch viel mehr obdachlos zu sein, ist eine von der Gesellschaft zugeschriebene Rolle. Sie tut dann eigentlich alles dafür, dass du diesem Auftrag nicht mehr fliehen kannst, auch wenn sie anderes vorgibt. Die Verteufelung des Sozialismus in eher konservativen Kreisen der Bevölkerung drückt sich auch in dem Festhalten an diesem Konzept aus. Dabei ist Sozialismus vor allem doch wohl ein Weg, strukturelle Armut auf längere Sicht in den Griff zu bekommen, ohne die Leistungsbereitschaft des Einzelnen zu sabotieren, sondern ihn gerade zur Kooperation zu befreien. Arme Leute sind keine fleischgewordenen Klingelbeutel, um sich sein Seelenheil zu verdienen, sondern verschenktes Potential.

Grübeln, Sinnieren und Tagträumen...

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