Auf sie mit Beherrschung!

Ich verglich ja schonmal mit Fußballfans, als ich es von Ideen und Überzeugungen hatte, besser gesagt von Menschen, die sich einer wie auch immer gearteten Bewegung oder Haltung zugehörig fühlen. Der Vergleich beschäftigt mich. Weil bei der Auseinandersetzung mit konträren Anschauungen im "Netz" und auf der Straße immer häufiger die Fetzen fliegen.

Ich halte das kopflose und leidenschaftliche Gesreite ja generell für wenig hilfreich. Weil es eine Verlagerung einer eigentlich wichtigen und differenzierten Auseinandersetzung auf die Spielwiese unreflektierten Gehabes darstellt, bei der meines Erachtens der Kern einer Problematik mit den jeweiligen Binsenweisheiten und althergebrachten "Stammesritualen" aller Lager zunehmend und vorschnell zugeschüttet wird. Das Leben ist aber nunmal kein Fussballspiel und politische Ertüchtigung sollte nicht vorwiegend als Übung zur Pflege des Egos dienen. Eine Meinung haben wir alle. Meist sofort, weil das Umfeld, in dem wir wurden wer wir sind, uns diese schon lange vorkaut. Dem Ruf der Sippe folgend reagieren wir dann ohne Umschweife. Dabei geht es uns vermutlich nie um einen argumentativen Sieg über die Gegenseite, wenn wir ehrlich sind. Jeder feiert lediglich die Welt in der er bereits wirkt und sucht nach Anerkennung und Zustimmung aus den eigenen Reihen. Mit deren Applaus ist aber noch nichts gewonnen.

Ich finde Zurückhaltung sollte viel mehr der Grundmodus sein und der anderen Seite unser aufrichtiges Interesse gelten. Sich den Ball immer nur in der eigenen Hälfte zuzuspielen erzeugt lediglich trügerische Sicherheit. Die Gegenseite niederzuschreien ist der Ruf nach Anerkennung durch Gleichgesinnte. Es richtet sich nicht nach außen. Wer würde sich schon von einem geifernden Mob überzeugen lassen? Niemand. Und das wissen alle. Aber trotzdem brüllen wir oder brüllen wir zurück. Deswegen, so kämpferisch lautstarkes Eintreten für Überzeugungen auch aussehen mag, es richtet sich hauptsächlich nach innen. Es soll die anderen nicht überzeugen, sondern den Zusammenhalt in der Gruppe fördern. Das Wir-Gefühl. Man macht sich fürchte ich etwas vor, wenn man glaubt Dinge so zu verändern. Weil indem man den eigenen "Verein" durch gelebte Angriffslust stärkt, stärkt man automatisch auch immer gleich den gegnerischen mit. Unterm Strich kommt dann nichts bei rum. Die Fronten verhärten nur.

Die Einsicht, dass etwas falsch ist, ist schmerzlich. Ein Standpunktwechsel ist nicht nur ein Eingeständnis eines Fehlers und evtl. langjährigen Fehlverhaltens, sondern er bedeutet unter Umständen auch den Verlust des sozialen Umfelds und des gewohnten Selbstkonzepts, das darin widerhallt. Es ist einfach zuviel "Folklore" im Spiel und die sollte bei gesellschaftlichen oder politischen Auseinandersetzungen besser weitgehend außen vor bleiben. Finde ich. Sachlichkeit und Ruhe sind extrem wichtig. Damit eine Problematik überhaupt eine Chance hat offenkundig zu werden und sichtbar zu bleiben. Wir opfern die Chance zu Fortschritten zu schnell auf dem Rugby-Feld überhitzten Schlagabtauschs.

Wenigstens sollte eine Seite sich zurücknehmen. Die Klügere vorzugsweise. Sie hat auch eher das Zeug dazu. Es ist nämlich nicht gerade leicht ruhig und sachlich zu bleiben. Aber wenn man es schafft überzeugt das noch unentschlossene Zaungäste viel eher, solange die Argumente nachvollziehbar bleiben und sachlich vorgetragen werden. Schreihälse und Pöbler hingegen verlieren dann mindestens an Überzeugungskraft. Und vielleicht sogar Mitstreiter. Ein kühler Kopf ist attraktiver. Aber es ist natürlich sau schwer ihn kühl zu halten im Gefecht, klar. Das ist die Herausforderung.

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn man auf Demos einfach nur stillschweigend und observierend dastünde, anstelle sich zu diesem kämpferischen Geblöke hinreißen zu lassen. Gewappnet mit Argumenten bei Bedarf. Sich nicht in die Niederungen aufgebrachten Schlagabtauschs ziehen, sich kein Gerangel aufzwingen lassen. Anstelle vor dem Kanzleramt Parolen zu brüllen und wild auf- und abzuhüpfen einfach nur geschlossen dastehen und schweigend hinüberstarren, mit fordernden, ernsten Gesichtern. Ein brüllendes Schweigen ist glaube ich lauter, als lauthals vorgetragene alte Binsenweisheiten, denen Zeit und fortwährende Wiederholung alle Kraft geraubt hat. Und genauso sollte man auch dem gegnerischen Mob begegnen. Die sollen sich ruhig aufführen. Und wenn sie die gegnerische Strategie adaptieren, schön. Dann kommt man vielleicht auch mal in einen lohnenden Diskurs mit denen. Aber vielleicht ist das auch mächtig naiv von mir. Kann sein.

Grübeln, Sinnieren und Tagträumen..., Streitkultur, Demo, Demokratie, Demokratie in Gefahr

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