Über Leichen für die Promo. Berceuse Heroique und die (Werbe-)Kunstfreiheit.

Diese Woche gab es sie mal wieder in der Technowelt, die medienwirksame Empörung, nachdem vor einigen Wochen Ricardo Villalobos für seinen schlingernden Auftritt beim Lovefamily Park einiges über seine DJ-Fähigkeiten und seinen Allgemeinzustand zuhören bekam. Hatte doch diese Woche das englische Techno- und House Label Berceuse Heroique die Aufmerksamkeit der Szene auf seiner Seite. Auslöser war hier ein Twitter-Beitrag von Labelchef Kemal, in dem er verkündete, dass es jawohl kein Verbrechen sei, einem Mädchen drei Stunden in London hinterher zu laufen, weil sie den „best ass EVER“ habe. Daraufhin ließen es sich andere Technokünstler wie Pearson Sound nicht nehmen, auf die Bedenklichkeit und Geschmacklosigkeit des Tweets hinzuweisen.

Doch das schien den Stein erst ins Rollen zu bringen. Die darauffolgende Welle der Empörung brach über Kemal und das Label im Ganzen jedoch nicht aufgrund des Tweets herein, vielmehr setzten sich die folgenden Tweets und Facebook Statements vor allem mit dem Artwork der Vinylveröffentlichungen auseinander. Prominente DJs, darunter die weibliche DJ und Panorama Bar/Berghain Resident Tama Sumo, warfen dem Label Geschmacklosigkeit vor, weil dieses u.a. ein Bild zweier gelynchter People of Colour und einen drum herum stehenden Lynchmob bestehend aus weißen AmerikanerInnen für ein Plattencover verwendete. Kritisiert wurden nun plötzlich auch andere Cover und Zitate des Labels, die auf die Hüllen gedruckt wurden, darunter Bilder von Wehrmachtsoffizieren vor der Akropolis, das Bild einer Nasenvermessung, die offensichtlich eine Rassifizierung durch deutsche Wissenschaftler während des Faschismus zeigt oder ein Zitat aus einem deutschen Kinderlied aus Zeiten des 1. WK, in denen die Zerstörung Englands besungen wird ("Zeppelin, flieg / Hilf uns im Krieg / Fliege nach Engeland / Engeland wird abgebrannt / Zeppelin, flieg"). [1]

Michail Stangl, Teil der Berliner Boiler Room Crew und Kurator bei CTM Festival, schreib bereits am 24. August und öffentlich bei Facebook, dass er dieses Zitat geschmacklos und dumm findet und dessen Verwendung zu Werbezwecken für unangebracht hält. Es folgten halbgare Rechtfertigungen von Labelchef Kemal, zunächst mit der Feststellung, dass nur er allein für die Artworks und Zitate die Verantwortung trage und nicht die beim ihm veröffentlichten Künstler. Dann erklärte er sich mit seinem „bad humour“, er sei ein „piece of shit“ und werde fortan nur noch über Kaffee posten und würde es bereuen, in der Vergangenheit Interviews abgelehnt zu haben, da diese seine Position scheinbar richtig gestellt hätten. [2]
Sonderbar erscheint mir hier vor allem, warum die Entrüstung über das Label bzw. dessen Werbestrategien und „Artworks“, also vor allem die Abbildung historischer Fotografien, die Leichen, Exekutionen, barbusigen People of Colour neben anzugtragenden und beleibten weißen Männern auch mit Vorliebe Faschisten aus unterschiedlichen Ländern, zeigen, erst jetzt kommt. Das Cover mit der Nasen- bzw. Kopfvermessung ist bereits von 2013, die Postings auf Berceuse Heroique zeigen beinahe von Tag eins der Labelgründung an Opfer von Gewaltverbrechen oder die beteiligen Täter.

Sicherlich sind die Argumente, die gegen das Label vorgebracht werden, alle richtig, es ist nichts daran „edgy“ oder „arty“, gehängte People of Colour mit freudestrahlendem Lynchmob auf einem EP-Cover abzudrucken. Geschmacklos und eben nicht künstlerisch oder politisch aufrüttelnd waren die Bilder aber letztes Jahr auch schon. Und so liegt der Verdacht nahe, dass der Tweet über das Verfolgen des Mädchens in London nur der sprichwörtliche Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat undnd sich mit der Kritik nun viele KünstlerInnen selbst Aufmerksamkeit verschaffen wollen. Die Kritik Michail Stangls im August alleine scheint jedenfalls nicht gereicht zu haben.[3] Dass die Ausflüchte Kemals fadenscheinig sind ist ebenfalls glasklar, allerdings ist auch die Frage berechtigt, ob er sich nicht auch wundert, dass die Reaktionen so lange haben auf sich warten lassen. Das Schockieren mit Geschmacklosigkeiten und Polarisieren mit aus dem Kontext gerissenen Bildern ist eben von Beginn des Labels an Werbestrategie und schnöde Marketingmasche.
Insbesondere Techno, eine Musik, die überwiegend ohne Texte auskommt, scheint mir darüber hinaus eine gefährliche Basis zu sein, um unkommentierte und (politisch) mehr als problematische Bilder für ein Coverartwork zu verwenden. Denn die politische Einbettung oder Erklärung folgt ja eben nicht in der Musik, die Musik steht für sich, daneben steht dann das Bild des Covers.
Die Diskussion verweist aber auch auf eine größere Debatte, die fortwährend in der Musik- und Kulturindustrie verhandelt wird. Nämlich die darum, was Kunst darf und was nicht. Oder anders gefragt: was ist erlaubt, um auf sich und seine Ware aufmerksam zu machen und wo verläuft die (scheinbar) dünne Linie zwischen streitbarer Provokation und indiskutabler Geschmacklosigkeit?

[1] https://soundcloud.com/kemal187/unidentified-item-in-the-bagging-area-mix-for-berceuse-heroique
[2] https://twitter.com/bheroique
[3] https://www.facebook.com/michail.stangl/posts/10152934182167574:0

Berceuse Heroique-Shitstorm