Blade Runner 2049

So ein Kinoerlebnis hatte ich schon lange nichtmehr. Absolut immersiv. Und das lag nicht an der "dritten Dimension", weil die gewöhnlich nicht viel für mich tut. Es muss mehr als zwanzig Jahre her sein, dass ein Film mich derart absorbiert hat.

Selten schafft die Fortsetzung eines Werks, das einst Maßstäbe setzte, dem vermachten hohen Anspruch gerecht zu werden. "Blade Runner" war monumental und wegweisend. Möge auch Denis Villeneuves "Blade Runner 2049" künftigem Sci-Fi-Kino den Weg weisen. Das hängt ja leider von mehr ab, als der bloßen Schönheit eines solchen Kunstwerks. Die Kinolandschaft ist bereits dermaßen "defloriert", dass selbst Großes oftmals keinen bleibenden Eindruck mehr hinterlässt. So werden Filme heute gefeiert und gepriesen, und doch verschwinden sie nicht selten schon morgen wieder aus dem Gedächtnis des Publikums. Dem ersten "Blade Runner" erging es zunächst auch nicht so gut. Doch lag es da noch an dem bis dato cineastisch weitgehend unerschlossenen Terrain. Heute ist es umgekehrt Übersättigung. Und natürlich erfindet der aktuelle Film das Rad jetzt auch nicht total neu. Jedoch, so perfekt und rund geraten so teuere Produktionen sehr sehr selten würde ich behaupten.

Jedenfalls habe ich einfach nichts auszusetzen. Meine Augen blickten gebannt und bewundernd in eine andere Welt, die organisch und echt wirkte. Ich glaube ich habe noch nie schönere Sci-Fi gesehen, die gleichzeitig nicht selbstzweckhaft in technischer Hinsicht überbordend wird. Kein George Lucas-Syndrom, dessen mittleren "Star Wars"-Fortsetzungen unter anderem genau daran krankten, dass sie die Leinwand mit visuellen Wundern und Garnitur oftmals überfrachteten, um zu zeigen, was alles geht. Hier ein Wasserfall, dort ein Vogelschwarm, unten im Bild irgendwelche grasenden Space-Kühe, im Hintergund am besten noch ausbrechende Vulkane, kreisende Raumschiffe natürlich, Mückenschwärme und einstzender Regen. Als wenn man in ein vollgestopftes Schaufenster für Deko-Bedarf schaut.

"Bladerunner 2049" hingegen sieht phantastisch aus, gerade auch, weil er nicht alles zukleistert mit visuellem Tand. Aber was man sieht ist Dank Roger Deakins (bitte bitte Oscar!) extrem atmosphärisch und stimmig. Und das erzeugt Realismus. Eigentlich würde ich den ganzen Streifen am liebsten rahmen und in eine Gallerie hängen, so klassisch vollendet und schön sieht er aus. 

Die Handlung ist nicht unnötig komplex, oder gar konfus, sondern setzt die Story stringent und eindrücklich um. Sie überlässt es Inszenierung sowie Schauspiel, ihr die nötige Wucht und Bedeutung zu verleihen. Gutes Kino lebt nicht von unverständlichen und schwer nachvollziehbaren Handlungsverläufen. Es reduziert Inhalt auf das Wesentliche und stellt das Handwerk in dessen Dienst, bringt diesen dadurch zum Scheinen. Das verhindert auch gröbere Schnitzer und dass Handlung zum Flickwerk wird, das versucht zu viel Scheiß semi-plausibel unter einen Hut zu quetschen. "Batman v Superman: Dawn of Justice" vom Snyder fällt mir da als Negativbeispiel ein. Ich saß hier glaube ich noch nie ratloser vor einer Leinwand. Als wenn ich einem Hörbuch in einer mir nicht geläufigen Sprache lauschte. Absolut kein Plan. Vermutlich muss man da erst die Comicvorlage studiert haben. Aber ich schweife ab.
Was ich eigentlich sagen will ist, dass "Blade Runner 2049" sich die Zeit nimmt diese dystopische Welt wirken zu lassen, indem er oft genug einfach verweilt. Keine Schnitt-Gewitter, kein Location-Hopping. Man ist nicht auf der Durchreise. Man ist als Zuschauer angekommen. In einem Film.

Die Darsteller sind ebenfalls klasse. Es ödet mich schon an, jetzt auch hier noch zu schwärmen. Deswegen lasse ich es. Nur eines, Faye Hell in der Rolle der Luv fand ich besonders geil. Moment, aus der Regie höre ich gerade, dass die von Sylvia Hoeks gespielt wird. Sorry für den Schnitzer.

Ach ja, Hans Zimmers Score ist für mich wohl das Beste, was der jemals gemacht hat. Er trägt Bilder, Themen und Momente einfach perfekt. Bombastisch und doch verhalten und unaufdringlich. Bin ich so von Zimmer gar nicht gewohnt. Der Streifen lässt auch oft genug einfach nur Stille zu. Unmittelbare Atmosphäre, ohne musikalische Gehhilfen sozusagen. Das ist im hoch budgetierten Kino selten geworden.

Eine besonders rührende Szene involviert übrigebs eine Prostituierte und ein Hologramm aus einer Simulation. Letztere ist dazu da, dem Blade Runner die Einsamkeit erträglicher zu machen. Ich hab' geglaubt ich werd' nichtmehr. War das vielleicht der tollste Augenblick, den ich jemals im Kino erlebt habe? Kann gut sein. Witzig und ergreifend. Aber ich bin halt auch eine sentimentale Kammerzofe.

Das sollte kein Review sein.

Dystopie, Science Fiction, Ridley Scott, Denis Villeneuves, Roger Deakins

https://youtu.be/gCcx85zbxz4