Bruchlandung statt Höhenflug. Schirachs Theaterstück „Terror“ geht meilenweit an der Wirklichkeit vorbei

Was sollte das? Diese Frage muss man sich stellen, angesichts des medialen Wirbels um den interaktiven Film „Terror“ der auf Ferdinand von Schirachs gleichnamigem Stück basiert. Die Zuschauer durften aus zwei Möglichkeiten das ihnen genehme Filmende wählen. Lebenslänglich oder Freispruch für den Kampfpiloten, der, von den Behörden alleingelassen, ein von Islamisten gekapertes Flugzeug abgeschossen hatte. Er rettete damit laut Plot den Zuschauern das Leben.

Weit über 80% der Zuschauer sprachen den Piloten frei. In vielen bürgerlichen Medien jubilierte man ob des Films und Heute-Moderator Klaus Kleber meinte, dieses Ergebnis könne die Politik nicht ignorieren. Der Tenor lautet: Der Staat ist machtlos gegen gewissenlose Terroristen und wir brauchen andere Gesetze. Damit wird implizit das Urteil des Bundesgerichtshofs, das den Abschuss von Passagierflugzeugen verbeitet, ins Visier genommen.

Aber warum eigentlich?

Wie der Zeit-Kolumnist Thomas Fischer in der Zeit darlegte, geht der Film meilenweit an der Realität vorbei. Aus vielen Gründen:

Nicht das Handeln des Piloten war für die Entscheidung des Bundesverfassungsgericht entscheidend, sondern, ob der Staat anordnen darf, unschuldige Menschen zu töten. Aus guten Gründen ist es laut Fischer dem Staat verboten, sich zumRichter über das Leben von Zivilisten zu machen. Außerdem kann sich der Pilot, anders als im Film angedeutet, sehr wohl auf sein Gewissen berufen, nämlich mit Paragraf 35 Strafgesetzbuch:

"Wer in einer gegenwärtigen, nicht anders abwendbaren Gefahr für Leben, Leib oder Freiheit eine rechtswidrige (!) Tat begeht, um die Gefahr von sich, einem Angehörigen oder einer ihm nahestehenden Person abzuwenden, handelt ohne Schuld. (…)"

Freispruch, oder zumindest eine deutlich geringere Strafe wären demnach die sehr viel wahrscheinlicheren Varianten gewesen, anstelle von Lebenslänglich. Da hier schon die Mordabsicht entfallen dürfte und man die individuelle und persönliche Lage des Angeklagten eben doch umfassend bewerten und in das Urteil einfließen lassen würde. Ganz anders, als im film suggerriert, wo Gewissen und Moral des Angeklagten völlig irrelevant sind.

Die Verantwortung der Behörden, die über einen evtl. Abschuss entscheiden wird komplett ausgeblendet, dabei käme sie in einem Urteil zu Sprache und würden natürlich zugunsten des Angeklagten gewogen werden.

Aber auch das ist seltsamerweise vielen Journalisten nicht aufgefallen, die das Schicksal des Protagonisten beweinen, der natürlich lebenslänglich ins Gefängnis müsse.

Warum die Behörden das bedrohte Stadion nicht evakuieren, bleibt auch schleierhaft und vollkommen unlogisch. Aber bei „Terror“ geht es nicht um Logik, sondern um großes Drama. Die 70.000 Stadioninsassen sind das große moralische Argument. Dabei stellt noch eine Frage: Woher wüsste man den im Falle einer Flugzeugentführung, was die Terroristen genau planten. Vermutlich wüsste man es bis zum Schluss überhaupt nicht, es sei denn, der Entführer würde es per Funk mitteilen, was natürlich Quatsch wäre.

Genau das ist einer der Gründe, warum man mit Abschüssen von Passagierflugzeugen vorsichtig sein sollte, selbst wenn die Rechtslage sie erlauben würde.

Eine andere Frage lautet: Warum soll eigentlich abgestimmt werden? Was wird dadurch erreicht? Es drängt sich der Eindruck auf, dass hier versucht wird, durch gezielte Manipulation das Grundgesetz in eine fragwürdige Richtung zu lenken. Der Staat soll legitimiert werden, unschuldige Menschen zu töten. Nichts anderes geschieht, wenn ein Flugzeug mit Passagieren abgeschossen wird.

Schirach aber hat den Plot dramatisch derart zugespitzt, das lediglich schwarz-weiß-Denken übrigbleibt. Dies mit einer Zuschauerabstimmung zu verbinden, ist absolut inakzeptabel. Was ist gewonnen, wenn dem Zuschauer nur ein „Ja“ oder „Nein“ zu einem inhaltlich fragwürdigen Plot übrig bleibt, der auf falschen Rechtsprämissen beruht? Gar nichts!

Spannend wäre es gewesen, wenn unklar gewesen wäre, wohin das gekaperte Flugzeug fliegt und wenn dem Prozess tatsächlich geltendes Recht zugrunde gelegt worden wäre. Beides hat Schirach zugunsten billiger Effekthascherei aufgegeben. Anstatt sich des komplexen Themas auf allgemein verständliche und angemessene Weise zu nähern, inszeniert er eine Debatte auf Ramsch-Niveau und legt damit eine intellektuelle Bruchlandung hin. Der Plot bietet Jenen eine literarische Steilvorlage, die den harten und notfalls autoritären Staat wollen. Und die damit willentlich oder unwillentlich ein Monster heraufzubeschwören suchen.

Baldur von Schirach

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