Bus

War mir klar. Du setzt dich selbstredend in Blickrichtung zu mir auf deinen Behindertensitzplatz. Der Bus ist leer, es gibt nur dich und mich. Und den Captain auf der Brücke. Da ist eine Wahl praktisch nicht vorhanden. Ich wusste das ja schon, bevor deine dümmliche Hütchenspielerfresse überhaupt das Vehikel enterte. Dein subhumanoider Gang, deine albernen Klamotten, dein gähnend leerer Gesichtsausdruck …, sie haben einen größeren Wortschatz, als du selbst ihn jemals besitzen wirst. Sprechen Bände! Wird man heute so geboren? Komplett schmerzfrei und ohne jede Spur gemeinverträglichen Verhaltens? Sitzt nicht nur nutzlos gegen die Fahrtrichtung, hallo?? Dein stumpfer stierender Blick brennt mir gleich ein Loch in den Frontallappen! Du merkst es nichtmal. Übrigens, dein Handy klingelt. Es klingelt schon die ganze Zeit …. Nee warte … es klingelt nicht … du hörst Musik …. DU HÖRST MUSIK?! Musik, die du selbstredend unaufhörlich, wie eine dir nachhängende Blähung, mit dir herumschleifst …. Schönen Dank auch! Herrlicher Odel quillt da aus dem Phon, das du zweifelsohne deiner arbeitslosen, delirierenden Mutter geklaut hast. Buben im Stimmbruch künden mit bemüht maskulinen Stimmen vom Überlebenskampf auf der Straße. Und du bist einer von ihnen, ne? Außer dass du mit dem Bus zum Sozialamt fährst und nicht Drogen an Typen vercheckst, deren Mütter du angeblich fickst. Jetzt fängst du auch noch an mitzurappen und eine Art Ausdruckstanz aufzuführen. Weil du bist dir ja selbst genug. Tanzt nur für dich alleine. Wahrscheinlich erzählst du dir sogar Witze. Und lachst darüber. Obwohl du die Pointen nicht verstehst. Oder was bedeutet dein jüngstes debiles Grinsen? Du lachst wegen mir …?? Lachst mich aus …. Die Art wie du plötzlich Blickkontakt vermeidest entlarvt den Höhlenmenschen. Wäre ich zwanzig Jahre jünger und meine große Schwester, du lägst längst neben dem Bus im Dreck auf deinen herrenlosen Zähnen!

Mit vor Zorrn zitternden Fingern greife in meine Brusttasche, um mir einen Kaugummi herauszufischen. Zur Beruhigung. Es will nicht klappen. Auch nicht nach mehreren Anläufen. Die Tasche … sie ist weg! Ich blicke an mir runter. Dicke weiße Nähte klagen mich an. Dann schnellen meine Augen hilflos zurück zu dem grinsenden Pavian. Ich schwitze. Mache unkoordinierte nervöse Bewegungen. Ja, lach du nur, blöder Mongo! Ich ziehe mein Arbeitshemd nicht immer auf links gedreht an, weißte! Jetzt steht der Hirni auf und drückt den Halteknopf. Mir wird flau. Na immerhin das kann der feiste Schulabbrecher beanstandungslos. Der Bus hält vor einer Bildungseinrichtung. Als er zur hinteren Tür geht meint er im Vorbeigehen unverschämt freundlich zu mir, dass das wohl nicht mein Tag sei und wünscht mir respektlos ein schönes Wochenende. Dann fällt er vom Bus direkt in die Arme seiner bildhübschen Freundin und zieht mit ihr Richtung Uni davon. Wusst' ich's doch. Netter Kerl.

Begegnungen, Vorurteile

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