Dario Argentos "Opera" (1987)

Kein Review! Mal wieder im Kino gesehen.

Dario Argento ist einer der Regisseure, die mir vermutlich zur rechten Zeit begegneten und seinerzeit offene Türen einrannten. Man kommt irgendwann in so ein jugendliches Alter, in dem man nach etwas ganz Bestimmtem sucht. Die Künstler, die dann zufällig mit dem rechten Geschmeide um die Ecke biegen, beziehen eine meist lebenslange, flauschige Gummizelle im Herzen des devoten Fans. Deswegen bin ich auch geneigt Argento Manches zu vergeben. Denn perfekt sind seine Filme, auch die besten, nicht unbedingt. Es gibt aber auch kaum einen Zweiten, der die Sinne des Horror-Aficionados so zu betören verstand in meinen Augen. Vor allem in meinen Augen, weil das mag nicht unbedingt jeder so sehen. In seinen gelungensten Werken, wozu ich "Opera" noch zähle, ist die Handlung zumindest ganz brauchbar und der Rest Zuckerwerk für Augen, Ohren und Empfinden. Es sind gewisse Augenblicke und Sequenzen, die die Handlung als Vehikel für etwas "Höheres" ausweisen. Sie ist lediglich die Leinwand, auf der der Regisseur unvergesslich sinnliche und makabere Momente erschuf. Wobei die Handlung schon im Dienste dieser steht, sie also nicht vollkommen sinnfrei aneinanderreiht. Trotzdem ist und war bei Argento Handlung in etwa das, was früher Schrifttafeln bei Stummfilmen waren. Das notwendige Minimum an Information, um den Rest im Zusammenhang verständlicher und den Weg freizumachen für die Obsessionen Argentos, die ihn für mich zum echten Künstler machen. Er ist kein konventioneller Filmemacher gewesen. Vielmehr war er in seiner Hochzeit wohl eine intrinsisch getriebene Seele, die die Leinwand brauchte, um etwas nach Außen zu kehren, das da einfach raus musste. Er hatte mehr etwas von einem Maler, als von einem Filmemacher. Deswegen schwächeln selbst seine gelungenen Werke vielleicht formal ein wenig auf der handwerklichen Seite, was Plot und Logik angeht. Aber er brillierte darin große Augenblicke zu schaffen und "tiefer gelegte" Befindlichkeiten der Seele zu stimulieren. Ein guter Argento-Film ist im besten Fall wie eine Vernisage, mit ausgezeichneten Werken darin. Nur die Räumlichkeiten sind eventuell ein wenig baufällig. Aber diese Bilder. Diese Stimmungen!

Noch schnell etwas zu "Opera". Argentos erste Interpretation des "Phantoms der Oper" ist toll. Ein bisschen wie eine Operette selbst, überladen mit Ausstattung, Pathos und grotesken Momenten schrägen Homors. Die Musik ist wie üblich großartig. Vorallem, weil sie sich diesmal zu einem Großteil aus echter bekannter Opernmusik (Verdis "Macbeth") zusammensetzt, die mit u.a. Simonettis gewohnt schönem Score und "cheesigem" Heavy Metal wechselwirkt und gerade in diesen wilden Brüchen funktioniert. Eine verrückte, bildgewaltige Slasher-Oper ist das, samt eines der schönsten angehängten Enden, das umso toller ist, weil es auch so unnötig und albern anmutet. Und doch möchte ich es niemals mehr missen. Christina Marsillach in der Hauptrolle ist Zucker. Okay, auch das Geschmacksache. Ich liebe jedenfalls diesen Kloß im Hals und die feuchten Augen, wenn sie zuletzt durch das Gras robbt und eine Eidechse rettet. Jedesmal! Weil ich weiß, dass es gleichzeitig auch furchtbar schmalzig und aufgesetzt ist. Oper halt…

Leider sind die Filme des ehemaligen Meisters, die nach "Opera" kamen, in zunehmendem Maße mies. Während ich Werke wie "Stendhal Syndrome" und "Sleepless" durchaus noch empfehlen kann, auch "Trauma", ist der Rest leider ein zu erschütterndes Exempel veschossenen Pulvers. Argento ist noch immer aktiv. Freut mich natürlich. Aber seinen letzten Streifen, "Dracula 3D", habe ich nichtmehr durchgehalten. Und für den kommenden gecrowdfundeten "The Sandmann" (mit Iggy Pop!) habe ich nach mehr als einem Jahrzehnt konstanter Enttäuschungen auch keine Hoffnung mehr. Trotzdem. Ich liebe Argento für seine ersten zwanzig Jahre.

Dario Argento, Giallo, Horrorfilm, Terror in der Oper, Phantom der Oper

https://youtu.be/Y-CAPDjmWUA

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