das WIR und die "Hölle"

"Soziale Phobien"? Sozial bedeutet auch teilnehmend, zugesellt. In der Interaktion mit Menschen schwingt zweifelsohne unsere emotionale Disposition mit, die wiederum auf Erfahrungen - nicht nur persönlichen, sondern auch überlieferten - beruht. Und natürlich auch auf der Verarbeitung/Reflexion von Erfahrungen, also Theorie und Wissenschaft.

Von dem Zeitpunkt an, in dem der Mensch durch die Kraft der Geburtswehen und beim Zerplatzen der Fruchtblase auf diese Erde und hinein in das, was Gesellschaft heißt gestoßen wird, geht er/sie durch das Tor der ersten Interaktion mit seiner/ihrer ersten Bezugsperson. Bei den meisten Menschen ist es die Mutter, deren Verhalten die menschliche Fähigkeit zur Kontaktaufnahme und Interaktion zu einem sehr hohen Anteil prägt. Dies beginnt bekanntlich schon während der Schwangerschaft, in der der Fötus bereits mit Musik und ganz besonders durch Streicheleinheiten begeistert werden kann.

Am Anfang war also das Streicheln und der Körperkontakt und nicht das Wort, wie es in dem Johannesevangelium steht: "Am Anfang das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort und das Wort ward Fleisch und wohnete unter uns wir sah'n seine Herrlichkeit." Karl Marx merkte dazu an: "Unschuldiger, schöner Gedanke! Doch die Ideenassoziationen führten Gretchen (1) weiter, sie glaubte das Wort wohne in den Schenkeln,.... überzeugte sich und erfasste es, wie das Wort Fleisch geworden, sie sah in den Schenkeln seinen symbolischen Ausdruck, sie erblickte ihre Herrlichkeit und beschloss, - sie zu waschen." (Marx, MEGA, 1.Abt., 1.Bd., 2. Halbbd.,S.77) Schade, dass Siegmund Freud dies nicht gelesen hat, denn das, was Marx dazu schrieb, ist die klare Widerlegung seiner Ideologie vom "Penisneid" des weiblichen Geschlechtes, nicht wahr? Denn sonst - freudianisch - hätte er geschrieben: "...sie erblickte keine Herrlichkeit, wurde sich ihrer Dämlichkeit bewusst und beschloss, sich schleunigst einen Ehemann zu suchen."

Ich gehe selten in Kneipen. Also hin und wieder doch. Früher mehr. Und sang dort ab und zu ein Freiheitslied von Georg Kreisler "Freiheit ist die Kneipe nebenan". Dieses endet mit: "Freiheit ist nur die Freiheit, sich vom Gehorsam auszuruh'n. Freiheit hat mit Deutschland nichts zu tun." Auch an den Stammtischen saß sie nicht.

Und das Soziale? Wenn es - zumindest nach meinem etymologische Wörterbuch von Kluge - auch Teilnahme bedeutet, was die Fähigkeit des Teilens beinhaltet, so verschwindet sie immer mehr. Ich habe gelernt: Wenn zwei Menschen sich etwas teilen, bekommt jede*r die Hälfte, wenn 3 Menschen sich etwas teilen, jede*r ein Drittel.... Doch schauen wir uns die "Flüchtlingskrisen"-Debatte in der Politikerzunft Europas an: Weder Teilnahme, noch Teilhabe. Insofern ein Grund, eine Politikphobie zu bekommen.

Das Soziale sitzt nicht bei Hempels und liegt auch nicht unter'm Sofa. Dort liegt die Seele, die schon lange nicht mehr baumelt, sondern verstaubt. Mördergruben wurden mit Lizenzrechten nach Weitweg verkauft. Das schreibe ich. Und ich ist nicht wir. One Kollektiv und Majestatis Pluralis. Dissozialität bringt das Monadentum, die Vereinzelung aber vielleicht auch - hoffentlich - die Individualität hervor. Ich kenne keine "Hölle", sondern nur schlechte Gesellschaft.

(1) Dieses "Gretchen" von Marx kann eigentlich nur dieses sein: https://de.wikipedia.org/wiki/Faust._Eine_Tragödie.#Stra.C3.9Fe_.28I.29_.E2.80.93_Begegnung_mit_Gretchen

Soziale Phobien

https://whicee.com/?c=LCA9wlO1rwSULvS

Anzeige: