Das Dilemma der Muslime

Um es klarzustellen – Von mir aus muss niemand gegen irgendwas demonstrieren. Von mir aus muss auch keiner für irgendwas demonstrieren. Im Grunde wird schon viel zuviel demonstriert, und dann wird wieder einmal nichts getan, weil sich keiner von denen, die demonstriert haben, Gedanken darüber gemacht hat, welche praktischen Folgen man denn aus seinem Protest ziehen sollte. Man setzt ein Zeichen gegen Hass, für bessere Schulen, gegen Frühsexualisierung oder gegen die Schließung eines Flughafens, und diejenigen, an die sich das Zeichen richtet, schauen unbeeindruckt zu, falls sie es überhaupt mitkriegen, und machen hinterher trotzdem, was sie wollen. Überdies bedeutet jede Demonstration eine weitere Beanspruchung der Polizei, die sicher bessere Dinge zu tun hätte, als eine demonstrierende Masse durch die Straßen zu begleiten und sich dabei im Zweifel noch ein Katz-und-Maus-Spiel mit irgendwelchen Gegendemonstranten zu liefern.

Gerade Demonstranten gegen etwas beschränken sich ja im Grunde oft nur auf pure Symbolik, wenn man mal von Demonstrationen mit konkretem Anlass wie beispielsweise Bauprojekten absieht. Und auch hier stellt sich die Frage der praktischen Anwendbarkeit. Welchen Sinn macht es, friedlich gegen einen G20-Gipfel zu demonstrieren, wenn die Alternative wäre, dass der Gipfel nicht stattfindet und die Kommunikation zwischen den Staatsmännern dann halt auf eine andere Ebene und zu einem anderen Anlass verlagert wird? Welchen Sinn macht es, gegen die Abhaltung eines AfD-Bundesparteitags zu demonstrieren, wenn gesetzlich vorgeschrieben ist, dass Parteien solche Veranstaltungen abhalten müssen? Von gewalttätigen Protesten soll hier gar keine Rede sein, denn da kann man von einer Zielorientierung wirklich nicht mehr sprechen.

Bei Demonstrationen gegen Hass in jeder Form kann man sich in jedem Fall sicher sein, dass die komplette Veranstaltung sinnfrei ist. Den Adressaten dieser Demonstrationen ist es egal, wieviele Leute demonstrieren und welche Parolen sie rufen. Aber im Grunde richten sich solche Demonstrationen ja nicht an die, gegen die demonstriert wird, sondern an die umgebende Gesellschaft, dienen sie der Selbstvergewisserung, der Selbstversicherung in einer unsicheren Zeit. Im Grunde richtete sich die Demonstration am Samstag in Köln ja auch nicht gegen den Terror. Den islamistischen Terroristen ist es egal, ob man gegen sie demonstriert, selbst wenn es sich bei den Demonstranten um Muslime handelt. Das sind dann in deren Augen halt keine wahren Muslime. Wenn es also darum gegangen wäre, den Terroristen zu zeigen, was ihre Glaubensgeschwister von ihnen halten, hätte man sich die Aktion sparen können.

Sinn hätte die Demo dennoch gemacht, wenn sie ein wirkliches Zeichen gesetzt hätte. Das Zeichen hätte sich dann allerdings an die nicht-islamische Zivilgesellschaft gerichtet, an die, die sich wirklich Gedanken machen, ob Islam und Islamismus nicht im Endeffekt zwei Seiten einer Medaille sind. Eine machtvolle Demonstration der in Deutschland lebenden Muslime gegen den Terror hätte möglicherweise für einen tatsächlichen und nicht nur medialen Schulterschluss in der Gesellschaft gesorgt, hätte ein wirkliches Zeichen setzen können für ein friedliches Zusammenleben unter den Religionen. Auch ich habe auf ein solches Zeichen gehofft. Der Versuch aber ist vollständig in die Hose gegangen.

Warum haben also die deutschen Muslime in ihrer überwiegenden Zahl davon abgesehen, dieses Zeichen zu setzen? Lag es wirklich am Ramadan, oder wäre es wirklich eine Zumutung, sich ein solches Zeichen des friedlichen Zusammenlebens von ihnen zu wünschen? Oder ist den hier lebenden Muslime in ihrer überwältigenden Mehrheit tatsächlich egal, was die Mehrheitsgesellschaft von ihnen denkt, und leben sie vielleicht wirklich keinen Wert auf friedliches Zusammenleben? Das sind Fragen, die noch zu klären sein werden. Zurück bleibt auf jeden Fall der prägende Eindruck, dass von Einigkeit im Lager des Islams keine Rede sein kann, dass diejenigen, die sich in den Talkshows wortgewaltig als die Vertreter des Islams in Deutschland gerieren, in ihrer angeblichen Umma, der Gemeinschaft der Muslime, ungefähr soviel zu sagen haben wie Sarrazin in der SPD, und dass Muslime in Deutschland vor allem hervorragend in einer Sache sind – im Erfinden von Rechtfertigungen und Zurückweisungen.

Warum sollte beispielsweise eine christliche Deutsche gegen islamistischen Terror demonstrieren? Man fordert doch auch nicht, dass sich die Vereinsführung von RB Leipzig davon distanziert, wenn Fans von Borussia Dortmund sich in ihrem Stadion danebenbenehmen. Warum ist es eine Vorverurteilung der hier lebenden Muslime, wenn man sie dazu auffordert, sich vom Terror zu distanzieren? Alle Vereinigungen, die politisch rechts von einem SPD-Ortsverein verortet werden, werden doch auch immer aufgefordert, sich von rechten Tendenzen zu distanzieren. Warum wird immer davon gewarnt, man solle die Muslime von jeglichen Anschuldigungen, sei es der Sympathien für den Terror, sei es des Antisemitismus, verschonen, oder jugendliche Muslime könnten sich radikalisieren? Dann könnte man auch schließen, der ständig laufende Kampf gegen Rechts führe zu einer Radikalisierung der Rechten, und dieser These würde ich sogar zustimmen.

Nein, von mir aus muss niemand demonstrieren. Von mir aus muss sich kein Moslem mit den Positionen einer Lamya Kaddor oder eines Ayman Mazyek gemein machen, um in der deutschen Öffentlichkeit ein positives Bild abzugeben. Von mir aus kann jeder seinen persönlichen Partikularismus um die richtige Auslegung seiner persönliche heiligen Schrift pflegen. Er muss dann halt wissen, was er davon hat. Es sollte ihm klar sein, dass mit der mangelnden Beteiligung an der Demonstration in Köln, mit der öffentlichen Diskussion darum und mit der Welle des Hasses, die sich derzeit wegen der Neugründung der liberalen Moschee in Berlin über Seyran Ates ergießt, die Aufgabe derjenigen, die versuchen, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der Islam zu Deutschland gehört und der islamistische Terror nichts mit dem Islam zu tun hat, nicht einfacher geworden ist.

Friedensdemonstration der Muslime in Köln

http://www.zeit.de/2017/26/islam-reform-moschee-berlin-fatwa