Das Prinzip des aufopfernden Einzelnen

Eine Gesellschaft wird im Laufe ihrer Geschichte zumeist mit Eventualitäten und Sachverhalten konfrontiert, die nicht im Einklang mit ihrer Rechtssprechung sind. Im konkreten Beispiel geht es um den tödlichen Abschuss einer, von Terroristen gekaperten Passagiermaschine. Die Rechtslage scheint kompliziert, doch im Endeffekt einleuchtend. Das Bundesverfassungsgericht und damit höchste, innerdeutsche Gerichtsorgan hat beschlossen, dass das Abwiegen von Menschenleben einen Affront gegenüber dem Grundgesetz darstellt. Der Abschuss ist also nicht rechtlich legitimiert - Ein wahres Dilemma für die gesellschaftliche Ordnung.

Der irrationale Terrorismus zeigt eine Schwäche der demokratisch-legitimierten Grundwerte auf. Durch ihren unbändigen Willen nach Gleichheit und Kompetenzenverteilung verliert sie ihre direkte Handlungsfähigkeit. Die dezentralisierte Macht und die Moral als höchstes Gut fordern ihren Tribut in der Effektivität einer Gesellschaft. Doch, muss eine Gesellschaft effektiv sein? Widerstrebt dies nicht eigentlich zutiefst unserem kollektiven Wunsch nach Entfaltung? Nun, um zurück zu dem eingangs erwähnten Beispiel zu gelangen, offenbart sich also die Ohnmacht der Mächtigen in Ausnahmezuständen, die verfassungsrechtlich nur teilweise diskutiert wurden und in denen die moralische Schuld zweifelhaft bleibt.
Das Problem ist jedoch viel tiefer in der Psyche des Menschen verankert. Was ist eigentlich eine Moral, wer darf diese definieren? Da aufgrund der differierenden Partikularinteressen niemals ein grundsätzlicher Konsens gebildet werden kann gaben sich einst die Menschen ein übereinstimmendes Wertesystem, die unsere Gesellschaft und das Leben ermöglichen sollen. In Deutschland repräsentiert durch das Grundgesetz und dessen Verfechter: das Bundesverfassungsgericht.
Die TV-Debatte spiegelt den Zwiespalt zwischen dem moralischen Verständnis einzelner und unserer Grundwerte wider. Mit überwältigender Mehrheit wurde für einen Freispruch plädiert, jedoch bedauerlicherweise, unbewusst die demokratische Verfassung verurteilt.
Ein Agieren durch Emotionalität ist eine Geißel für den modernen Rechtsstaat und dessen Organe.
Denn, unsere unveränderlichen Werte mit gesetzlicher Ewigkeitsgarantie, die im brutalen Kontrast zu der emotionalen Wirklichkeit des Rezipienten stehen, wurden durch das Kollektiv der Fernsehzuschauer missachtet und für nichtig erklärt.

Es ist ein bedauernswertes Faktum, dass die tausenden Stadionbesucher hätten für die Durchsetzung eines Prinzips sterben müssen. Dennoch wäre dies die Konsequenz um unsere Gesellschaftsordnung aufrecht zu erhalten.

Das der Staat sich durch seine Prinzipien der Wehrhaftigkeit entzieht ist nur teilweise korrekt. Tatsächlich, gibt es genügend Menschen, die der Verfassung trotzen würden und dennoch versuchen würden, mit nüchterner Realitätsbetrachtung Leben zu retten. Auch wenn der Staat ironischerweise anschließend wieder über das Leben der häufig glorifizierten Lebensretter zu richten hätte.

Es mag absurd klingen und ist dennoch eine Possibilität um eine werhafte und dennoch konsequente Demokratie zu etablieren. Dem Staat mag es verboten sein, über Gedeih und Verderb der eigenen Bürger zu entscheiden, dass sich jedoch ein Staatsangehöriger selber zum Richter erhebt ist jedoch kurzfristig nicht zu verhindern, auch wenn er danach, in rechtsstaatlichen Maßstäben für seine Taten Verantwortung wird tragen müssen.

Die Zwiespältigkeit von Recht und Moral ist also durch unüberbrückbare Differenzen geprägt. Einzelne Individuen jedoch, können als Brückenbauer fungieren und die Kluft kurzfristig und impulsiv verhindern, ohne das der Staat seine Prinzipien gefährdet und die freiheitliche, demokratische Grundordnung ad absurdum führt.

Ferdinand von Schirach - Terror