Demissioniert die öffentlichen Räume!

Gewachsene und institutionelle Strukturen verfügen immer über ein gewisses Beharrungsvermögen, wie unter Anderem auch anhand der vorherrschenden Stellung der christlichen Kirchen im öffentlichen Leben belegt werden kann. Obwohl die Machtposition der Kirchen durch Reformation, Aufklärung, den Bismarckschen Kirchenkampf und den Sozialismus in der DDR sehr gelitten haben, sind die institutionellen Verankerungen der Kirchen im und ihre Vernetzungen mit dem Staat weiterhin vorhanden und sichern eine weiter bestehende Einflussnahme, die den realen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht wirklich entspricht. Gut, zugegeben, es bekennt sich immer noch ein substantieller Anteil der Bürger der Bundesrepublik Deutschland – mit oder ohne Staatsbürgerschaft – zum christlichen Glauben und/oder der Mitgliedschaft in einer der christlichen Kirchen, aber das ist eigentlich immer noch keine ausreichende Rechtfertigung für die Tatsache, dass Kirchenvertreter zusammen mit Gewerkschafts- und Arbeitnehmervertretern in weitaus den meisten öffentlich-rechtlichen Gremien vertreten sind und damit auch Zugriff auf die Finanzmittel haben, die dort vergeben werden. Es kann im Grunde auch nur als Ausdruck der Schwerfälligkeit des Verwaltungshandelns gesehen werden, dass der Staat weiterhin Entschädigungszahlungen für die in der Säkularisation stattgefundenen Enteignungen von Klöstern und anderem Kircheneigentum leistet. Es ist eigentlich auch mit der Trennung von Staat und Kirche nicht vereinbar, wenn der Staat sich mit dem Einzug der Kirchensteuer zum Erfüllungsgehilfen der Kirchen macht und Religionen durch die Lehre an Schulen und Universitäten sozusagen ein staatliches Prüfsiegel erhalten und institutionalisiert werden.

Abgesehen dass da im Grunde auch ein Problem der Gleichbehandlung besteht, weil in all den angeführten Beispielen nur die beiden großen christlichen Kirchen profitieren, während all die kleinen christlichen Körperschaften, die nicht wenigstens landeskirchlich organisiert sind, genauso wie alle anderen Religionen sehen müssen, wo sie bleiben. Im Grunde ruhen sich die beiden großen Amtskirchen auf den bestehenden Strukturen aus, während alle anderen Religionen auf das tagesaktuelle Wohlwollen der jeweiligen Amtsträger des Staates angewiesen sind. Derzeit gehört der Islam in der offiziellen Auslegung zu Deutschland, und so wird auch der Bau von Moscheen unterstützt. Ein neues Aufblühen des Judentums nach den Gräueln des Holocaust wird als positiv angesehen, und so werden jüdische Gemeinden ebenso unterstützt wie die Ausbildung von Rabbinern. Das sind Strukturen, die sich gerade erst herausbilden, aber selbst hier stellt sich die Frage, ob diese Entwicklung von Dauer ist. Es ist in jedem Fall kein Wunder, wenn sich Kirchenvertreter für den Islam in Deutschland einsetzen, stützt eine solche Argumentation doch die Sonderstellung der Religionen im Land.

Abgesehen davon stellt sich die Frage, ob diese Entwicklung wünschenswert ist. Selbst wenn man zugestehen muss, dass jede Vernetzung des Staates mit den Religionen tendenziell zur Folge hat, dass die Religionen weder durch andere Staaten unterwandert werden noch staatsfeindliche Tendenzen entwickeln – das Eine bedingt ja möglicherweise durchaus das Andere – und so zu einem friedlichen Miteinander unter den Religionen und zwischen Staat und Religionen führt, so stellt sich doch die Frage, ob diese Medaille nicht, wie so üblich, auch noch eine andere Seite hat, indem der Einfluss des Staates auf die Religionen auch einen Einfluss der Religionen auf der Staat mit sich bringt. Es stimmt doch grundsätzlich bedenklich, wenn vor der endgültigen Benennung des gemeinsamen Kandidaten der Bundesregierung für den Posten des Bundespräsidenten außer staatlichen Akteuren und Kandidaten, deren Nennung im Grunde nur als Provokation der Gegenseite gedeutet werden konnte, nur Vertreter der Amtskirchen wie Frau Käßmann oder Herr Huber genannt wurde. In diesem Staat scheint inzwischen ein Theologiestudium als Nachweis einer für Bundespräsidenten notwendigen gefestigten moralischen Grundhaltung zu zählen, was doch bedenklich stimmen sollte.

Und es stellt sich die Frage, ob die Vernetzung des Staates mit Religionen nicht zu eine Ausweitung des staatlichen Handelns auf die moralische Ebene führt. Die Zeiten, in denen Priester von der Kanzel herunter zur Wahl der der Kirche genehmen Partei aufforderten, sind in Deutschland zum Glück ebenso vorbei wie Zustände wie beispielsweise in den Philippinen, indem die Kirche es über Jahrzehnte durch ihre Vernetzung mit der Politik schaffte, dass die Regierung keine flächendeckende Politik zur Familienplanung umsetzen konnte. Dennoch sollte klar sein, dass auch in Deutschland sowohl Politiker als auch Kirchenführer um die positiven Effekte von Synergien wissen. Es sollte nicht wundern, wenn gerade die evangelische Kirche mehr und mehr politisch daherkommt, wenn die deutsche Bischofskonferenz sich unterstützend zur Flüchtlingspolitik äußert oder Politiker bei passender Gelegenheit darauf hinweisen, dass Deutschland ein christlich geprägtes Land ist, wenn es ihren Zwecken dient. Wer tagaus, tagein in Gremien zusammensitzt, wird irgendwann auch erkennen, dass eine gemeinsame Strategie allen dient.

Es ist schade, dass die mehr als dreißig Prozent religiös nicht gebundenen Deutschen im öffentlichen Diskurs kaum oder sogar gar nicht vorkommen. Das liegt daran, dass ihnen im Normalfall jeglicher langfristiger Missionierungsgedanke fremd ist, und dass den wenigen organisierten Vertretern dieser Vielfalt an Weltanschauungen vielfach auch nichts anderes zur Beleuchtung ihrer Position einfällt als ein pures Abarbeiten an den bestehenden Weltreligionen. Im Grunde ist es auch schlüssig, dass es wenige lautstarke Propagandisten des Lebens außerhalb der Kirchen gibt, wenn das Einzige, was man einer Geschichte von einem Gott entgegenzusetzen hat, eine bloße Verneinung oder auch ein bewusstes Bekenntnis des Nichtwissens ist, so gedankenbewehrt dieses Bekenntnis sein mag. Vor allem aber fehlen den Humanisten, Atheisten oder Agnostikern die Strukturen, über die die Kirchen seit langem verfügen. Es gilt daher nicht, für eine ausreichende Vertretung der Nicht-Religiösen zu sorgen – von denen ich mich wahrscheinlich auch nicht vertreten fühlen würde - sondern sicherzustellen, dass Religionen sich auf ihre Gläubigen zu beschränken haben und immer das sein werden, was sie in einem säkularen Staat sein sollten – Privatsache dessen, der sie ausübt.

Religion

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