Der Fall Marcel H. und das kollektive Rachebedürfnis

Vergangenen Montag tötete der neunzehnjährige Marcel H. seinen Nachbarsjungen in einem kaltblütigen Machtrausch. Die Öffentlichkeit erzitterte unter den hasserfüllten Gewaltaufrufen und forderte Vergeltung für den Tod des Kindes. Doch nur die wenigsten sind sich der verheerenden Wirkung solcher Forderungen bewusst.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar" Dieses Prinzip ist nicht grundlos oberste Maxime des staatlichen und gesellschaftlichen Handelns. Sie ist Garant für eine gesetzmäßige Behandlung eines jeden Staatsbürger, fernab von den Taten die sein Dasein überschatten.

Gerade in sozialen Netzwerken waren viele pervertierte Gewaltfantasien zu finden, die alle bewiesen wie leicht Hass zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft führt. Die Öffentlichkeit steigerte sich in Gewaltfantasien hinein, die eigentlich dem fragilen Geist eines Mordlüsternen entspringen könnten. Einer Persönlichkeit wie der Tatverdächtige ist.
Der Hass ist ein facettenreiches Phänomen. Er kann gesunde Köpfe Abscheuliches vollbringen lassen.
Gerade in solch turbulenten Zeiten wie wir sie erleben ist es notwendig zu reflektieren, was die Grundsätze unseres Zusammenlebens sind und wie wir sie definieren.
Denn, was ist ein Mensch, der Gerechtigkeit fordern aber ihre eigenen moralischen Grenzen in Hass übertreten?

Die Tat selber ist niederträchtig, abscheulich und absolut zu verurteilen. Der Täter verdient eine Strafe, allerdings eine gerechte. Niemand ist frei von dem hasserfüllten Gefühl, welches aufkommt bei der Erkenntnis das der junge Ermordete ein erfülltes Leben haben könnte.
Doch ist es eine solche Tat wirklich wert die Prinzipien unserer Gesellschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern?
Ist sie es wirklich Wert Rockerbanden, mit nahezu mafiösen Strukturen, ein gutes Gelingen bei der Ergreifung des Tatverdächtigen zu wünschen? Ihm gar ein gleiches Schicksal zu wünschen?

Die Untat des fremdernannten "Monsters von Herne" beweist, wie leichtfertig Grundsätze außer Kraft gesetzt werden wenn sie mit den eigenen Moralvorstellungen kollidieren. Sie beweist wie Prinzipien erblassen vor der bitteren Realität des Menschen.
Dennoch möchte ich jeden Leser bitten innezuhalten, zu reflektieren ob es nicht gerade dieser Hass ist, der einen Menschen zerstören kann und ihn zu einer solchen Tat treibt. Schließlich ist Marcel H. keine unbekannte Spezies, sondern Mensch. Mit den gleichen Gedanken, gleichen Gefühlen und gleichen Abgründen.

Marcel H.

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