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Die definierten Körper von Rappern - Kein Echo ist nicht genug

Spätestens wenn die Öffentlich-Rechtlichen mit den Hintergrundberichten zu einem Thema beginnen, sollte klar sein, dass das Thema wirklich im öffentlichen Diskurs in Deutschland angekommen ist, und das ist im Fall des Antisemitismus in der deutschen Rap-Kultur auch gut so. Allerdings gibt es auch hier mehrere Seiten der Medaille. Selbst bei einem solchen Thema sollte es möglich sein, Haltung zu bewahren, zu differenzieren und vor billigen Anschuldigungen und Gesten zurückzuschrecken. Damit ist die deutsche Öffentlichkeit scheinbar überfordert.

Zuerst einmal, ich halte die gebetsmühlenartig rezitierte Textzeile aus dem Stück von Farid Bang und Kollegah, sein Körper sei definierter als der eines Auschwitzinsassen, nicht für antisemitisch. Sie ist geschmacklos, sicher. Sie ist auch menschenverachtend, und sie lässt selbst ein Mindestmaß an Scham für das Verbrechen an Juden, Homesexuellen, Sinti und Roma und anderen Minderheiten vermissen, das sich im letzten Jahrhundert in Deutschland zugetragen hat. Aber sie ist nicht antisemitisch. Um das zu verstehen, sollte man allerdings tiefer einsteigen und verstehen, was Antisemitismus wirklich ist. Damit ist die deutsche Öffentlichkeit allerdings inzwischen scheinbar überfordert.

Ob Kollegah und Farid Bang einen Echo verdienen, darüber erlaube ich mir kein Urteil. Im Grunde handelt es sich bei diesem Preis eh um eine Werbeveranstaltung der Musikindustrie, und dass die bereit ist, ihre eigenen Werte zu verkaufen, um Geld zu verdienen, sollte klar sein. Es wurde gewürdigt, was sich gut verkaufte. Daher sollte man sich eher Sorgen darüber machen, dass breite Kreise der heutigen Jugend auf Gereimtes der rappenden Hassküche abfährt. Die Verleihung des Preises ist nur ein Beleg für eine Entwicklung, die schon länger andauert.

Aber es ist ja viel leichter, sich darüber zu erregen, dass antisemitische Texte mit Preisen belohnt werden, als dass man sich mit dem Grund dieser Entwicklung befasst. Es ist so einfach – Jan Fleischhauer bezeichnet das als Gratismut – öffentlichkeitswirksam seine Echos zurückzugeben, um gegen die Verleihung des Preises zu protestieren. Aber wenn, wie gefordert, der Verleihung des Echos eine politische Bewertung vorausginge – Komischerweise war das bei Bands wie Frei.Wild nach Protesten von Kollegen bereits der Fall – würde das die Musikindustrie weiterhin nicht davon abhalten, einen bestehenden Markt zu bedienen, der sich an Texten ergötzt, in der ein Musiker einem anderen den Holocaust androht oder sich brüstet, er habe Drogen an jüdische Banker verkauft.

Und hier liegt die Wurzel das Problems. Anders als bei Deutschrockern wie Frei.Wild, Onkelz und anderen, deren Texte seit Jahrzehnten mit dem Rotstift analysiert werden, hat man sich bislang mit der Rapszene eher leicht getan. Rapper waren die ungezogene Schmuddelecke der Musikkultur, da ging man als guter linker Intellektueller nicht hin, aber da sich die Szene in ihrer eigenen selbst gebauten Opferrolle stilisierte, die sich nicht selten auch auf den eigenen Migrationshintergrund bezog, passte das alles dann doch eigentlich ganz gut ins Weltbild, abgesehen davon, dass die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland genügend Belege aufweist, dass auch linke Intellektuelle kein Problem mit antisemitischen Stereotypen haben, wenn sie sich passend in ihre Kapitalismuskritik einfügen.

Verschiedenene Zitate der gestrigen Dokumentation im Ersten belegen allerdings, dass der ansonsten bei jedem Anzeichen rechten Gedankenguts so wachsame öffentliche Diskurs hier wirklich tief und fest geschlafen hat. Wenn ein Rapper namens P.A. Sports beispielsweise sinngemäß argumentiert, es sei doch hirnrissig, zu sagen, die Moslems beherrschten die Weltwirtschaft, und es sei doch allgemein bekannt, dass Juden das täten, finden sich hier doch Grundbestandteile des antisemitischen Denkens, und vielfältige weitere Beispiele wie die bereits angeführten jüdischen Banker belegen weiter, dass die Klischees des Antisemitismus, der Juden als reiche, ihr Geld zählende, nach der Weltherrschaft strebende und im Hintergrund wirkende Kapitalisten beschreibt, in der Rapszene durchaus salonfähig sind. Bei jeder anderen Musikszene stände bereits die Antifa mit wehenden Fahnen vor der Tür. Bei Rappern ist man da offenbar eher nachsichtig.

Gut, könnte man sagen, es gibt die Freiheit der Kunst, und nur weil man Rapmusik für Schund hält, bedeutet das nicht, dass man dagegen vorgehen muss. Aber das Argument zieht hier nicht. Die Gesellschaft muss sich bei jedweder Kunstproduktion, die als Vehikel für Hass dient, die Frage stellen, ob es sich hierbei um Kunst handelt, oder ob das weg kann. Die Musikindustrie hier zum Richter zu machen ist verfehlt, denn die Musikindustrie würde auch Hass verkaufen, wenn es Geld bringt. Hier ist jeder Kulturkonsument gehalten, genau hinzuhören, über die reine Symbolik und die Äußerlichkeiten hinaus.

Kritiker könnten jetzt fragen, ob in der ganzen Argumentation nicht Israel fehlt. Dazu meine Gegenfrage – Was hat Antisemitismus mit Israel zu tun? Es gab Antisemitismus schon jahrhundertelang, bevor Theodor Herzl überhaupt von der Gründung eines Staates Israel träumte. Im Grunde war der von ihm begründete Zionismus eine Antwort auf den weltweit grassierenden Judenhass. Die Echo-Affaire um Farid Bang und Kollegah belegt wieder einmal, wie notwendig diese Antwort und wie dringend notwendig Israel als sicherer Hafen für bedrängte Juden weltweit war, und, traurig zu sagen, weiterhin ist.

Antisemismus und die Echoverleihung