Die Regierung Duterte - Die andere Seite der Medaille

Die Philippinen haben sich ja in den letzten Monaten eine Publizität in der deutschen Presse erworben, die dieser Staat überhaupt nicht gewohnt war und im Grunde auch nicht verdient hat. Das zweifelhafte Verdienst dafür gebührt Präsident Rodrigo Duterte, die seinen Feldzug gegen die Drogen, auf den er bereits seinen Wahlkampf aufbaute, mit Eisenhärte durchzieht und dabei auch Kollateralschäden nicht aus dem Weg geht. Inzwischen soll die Zahl der Opfer dieses Kampfes bereits vierstellig sein. Wenn es nach den deutschen Medien geht, ziehen Todesschwadrone durch die Lande, und im Grunde leidet wieder der kleine Mann am meisten darunter, während die Reichen ungeschoren daraus hervorgehen.

Ich muss zugeben, dass mir derzeit die Kompetenz eher fehlt, darüber zu urteilen, was an diesem Bild wirklich stimmt. Ich war einfach zu lange nicht mehr da. Allerdings macht sich bei mir schleichend das Gefühl breit, dass es sich bei dem Bild, das von der Situation in den Philippinen gezeichnet wird, um das übliche Schema handelt, das die deutsche Weltsicht kennzeichnet. Duterte ist Diktator ist Erdogan ist Trump ist Hitler, und der kleine Mann zahlt die Zeche. Ob das wirklich der Fall ist, interessiert da nicht mehr. Was ihn von anderen führenden Politikern der dritten Welt unterscheidet und heraushebt, ist sein Unterhaltungswert.

Man muss tatsächlich lange warten, bis man einen anderen Politiker auf der Welt findet, der den Papst beleidigt und zu der Vergewaltigung einer Nonne sagt, er hätte gerne mitgemacht. Der Witz an der Sache ist, dass der philippinische Wähler kein Problem damit hat. Für den philippinischen Wähler ist das nur ein Beleg, dass der Präsident einer aus dem Volk ist, der so redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Er steht auch hinter dem kompromisslosen Kurs des Präsidenten, wenn es um Drogen geht. Er sieht sehr wohl die Misere der philippinischen Gesellschaft, ihre Korruption und Zukunftslosigkeit. Er hat Duterte genau deshalb gewählt, weil da jemand war, der versprach, kompromisslos und konsequent gegen ein Übel vorzugehen, dass die philippinische Gesellschaft in seine Einzelteile zerlegte.

Wenn man der Regierung Duterte tatsächlich eines nicht vorwerfen kann, dann ist es Inkonsequenz, und zwar auf allen Politikfeldern. Duterte hat für alle Ministerien Fachleute benannt, die über Fachwissen und gesellschaftlichen Hintergrund verfügen. Seine Umweltministerin ist eine Umweltaktivistin aus einer der ersten Familien der Philippinen, die über einen eigenen Fernsehkanal verfügt, und ihre Entscheidung zur Schließung von Bergbauunternehmen, die durch ihre Unternehmungen schwere Umweltschäden anrichteten, sprechen eine klare Sprache, dass sie vorhat, ihr Mandat zu nutzen. Es ist nicht der kleine Mann, der darunter leidet, sondern die Besitzer dieser Unternehmen, die seit Jahrzehnten keine Skrupel zeigen, für ihre wirtschaftlichen Gewinne verbrannte Erde zu hinterlassen. Und auch bei dem Krieg gegen die Drogen ist nicht primär der kleine Mann der Verlierer. Es sind die Reichen, die seit Jahrzehnten die Gewinne des Drogenhandels untereinander aufteilen.

Francisco Sionil José, der philipinische Autor, über dessen Werk ich meine Doktorarbeit schrieb, sah die Wahl Dutertes in einem kurz nach der Wahl veröffentlichen Artikel als den Beginn einer Revolution, die er selbst seit Jahrzehnten herbeisehnte. Duterte sei kein weißer Ritter, schrieb er, und auch kein General im Führersitz eines Panzers, sondern ein großmäuliger Indio, der kein Problem damit habe, die katholische Kirche und die philipinische Oligarchie, also die Kräfte, die das Land seit dem Beginn seiner Geschichte in ihrem Würgegriff hätten, anzugreifen. José nimmt damit ein wichtiges Motiv auf. Duterte ist ein Mann aus dem Volk, der auch die Sprache des Volkes spricht, und er ist kein Vollidiot wie einer seiner Vorgänger, der Schauspieler Estrada, der sich als Mann des Volks darstellte, aber seine Präsidentschaft nutzte, um sich und seine Cronies in sagenhafter Weise zu bereichern. Er ist kein Lautsprecher wie Trump, den es scheinbar ins Weiße Haus gespült hat und der jetzt scheinbar hinter seinem Schreibtisch sitzt und sich wundert, was er mit seiner Machtfülle anfangen soll. Duterte weiß ganz genau, was er tut, und er ist sich über die Konsequenzen im Klaren.

In einem weitere Artikel einige Monate nach dem Beginn der Amtszeit Dutertes beschrieb Francisco Sionil José die Situation in den Philippinen als revolutionär. Der Kampf gegen die Drogen sei ebenfalls ein Kampf gegen die Korruption der Gesellschaft und damit auch ein Kampf gegen die allmächtige Oligarchie, die die Wirtschaft auf den Inseln beherrsche und ihre Finger auch in diesen Geschäften habe. Er beklagte allerdings auch die Opfer des Kampfes gegen die Drogen und mahnte eine Einhaltung der Gesetze an. Für einen Mann, der sein Leben lang gesagt habe, die Revolution müsse kommen, selbst wenn sie grausam sein, Opfer fordern und das Unterste zuoberst kehren werde, und er hoffe, diese Revolution noch zu erleben, scheint diese Haltung seltsam inkonsequent, aber sie belegt im Grunde die typische Inkonsequenz der Intellektuellen. Es ist leicht, die Revolution zu fordern, aber die Waffe dann tatsächlich in die Hand zu nehmen, ist eine andere Frage.

Vor allem aber haftet in einem Staat, in dem die Gültigkeit der Gesetze grundsätzlich begrenzt und in den Provinzen Privatsache der jeweiligen Provinzfürsten ist, in dem die Justiz korrupt ist, die Rechtsanwälte immer nur demjenigen zu Diensten sind, der über die geeigneten Mittel verfügt und klassenübergreifend die Missachtung der staatlichen Organe Leitkultur ist, dem Ruf nach der Einhaltung der Gesetze ein schaler Beigeschmack an. Man wird wahrscheinlich erst hinterher beurteilen können, was von der Ära Duterte bleibt, und sei es Trauer. Aber es steht zu hoffen, dass wenigstens die Erinnerung an einen Mann bleibt, der es versucht hat, selbst wenn er scheitern sollte.

Philippinen

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