Die Stunde, wenn Dracula kommt

Lieblingsfilme habe ich so einige und einem von ihnen nun den Vorzug zu geben fällt nicht leicht. Wie ich auf sie blicke hängt nämlich auch ein ganzes Stück von der Jahreszeit ab. Im Sommer reizen mich andere Filme, als im Winter. Und so beeinflusst die Jahreszeit auch letztlich eine solche Entscheidung. Der nahende Herbst drängt mich vermehrt hin zu klassischen Horrorfilmen. Klassisch meint hier alles bis Mitte der 80er. Und umso kälter es wird, desto klassischer bitteschön das Werk. Aber ich nehme diesmal eine kleine Abkürzung, um die Wahl zu beschleunigen. Eigentlich ist es doch ganz einfach in meinem Fall. Welcher Film hat die tiefsten Furchen in den Acker meiner damals noch zartbesaiteten Psyche gegraben?

Ich war so ungefähr zehn Jahre alt. Unsere Nachbarn besaßen eine Art massiven Monolithen, der etwa 50 Prozent des Wohnzimmers einnahm und in den umliegenden Häusern das Licht für einige bange Sekunden dimmte, wenn man ihn mit einer riesigen Kurbel anwarf. Funken sprühten dann, es roch nach verbrannten Kabeln, angesengten Engelsflügeln und die Erde erbebte. "Video 2000" prangte in kruppstählernen Lettern darauf. Deutsche Ingenieurskunst, die wohl noch vom Krieg übriggeblieben (Wunderwaffe) und für zivile Unterhaltungszwecke umfunktioniert worden war.

An einem schönen Tag während irgendwelcher Schulferien luden die beiden Nachbarjungs einmal mehr zum Filmgucken. Man habe letztens einen Horrorfilm mitgeschnitten, der "astrein" sei. Ich glaube das erste Mal überhaupt, dass ich dieses Adjektiv hörte. Also versammelten wir uns in diesem Wohnzimmer und jemand schwang die mächtige Kurbel. Die Glühbirne flackerte, die Wände erzitterten, die Nachbarn flüchteten schreiend aus ihren Häusern auf die Straße hinaus und erbarmungsloses Schwarzweiß und dicker Studio-Nebel schwappte, bzw. waberte über den Rand des großen Röhrenbildschirms, ergoss sich zu unseren Füßen und vergiftete unsere Seelen. Zumindest meine.

Dieser Moment markierte eine Wende in meinem Leben. Alles fortan war anders. In eine Form von Depression geschickt verfolgten die Hexe Asa und ihr fieser Bruder Igor mich gute zwei Jahre lang und alles, wirklich alles stand unter dem Einfluss ihrer anfangs noch so gähnend leeren Augenhöhlen. Ich hasste den Film. Ich fürchtete ihn. Ich glaubte eine Weile sogar, ich würde wahnsinnig. Ein wenig war ich es bestimmt. Und ich teilte diese Erfahrung eigentlich mit niemandem. Ich verstand gar nicht wie mir geschah. Zum Glück wurde ich älter. Meine Sehgewohnheiten änderten sich, die Seele vernarbte.

Schließlich, einige Jahre später, begegnete ich dem Film wieder. In einer Mitternachtsvorstellung im Casablanca Kino zu Nürnberg. Ich fasste es als Friedensangebot der Hölle auf, dass ich umsonst reinkam, weil ich etwas zu spät eintraf und der dem Film ebenfalls beiwohnende Kassenwart keinen Bock mehr hatte extra aufzustehen.

Ich verliebte mich schwer in diesen Film, der mich einst so gebrannt hatte. Irgendwie bin ich heute der Auffassung, dass man nur dann einer Sache besonders verfallen kann, wenn sie mit einem zunächst schwer Achterbahn gefahren ist. In Sachen Horror gehört ein anständiges Trauma an den Beginn einer lebenslangen Leidenschaft! Der Film und ich, wir haben eine Vergangenheit. Wir sind Blutsbrüder, vereint durch den gegenseitigen Blick in unsere Abgründe. Das schweißt zusammen.

Huch! Jetzt ging es gar nicht so sehr um den Streifen selbst merke ich, sondern den aus heutiger Sicht willkommenen Flurschaden, den er bei mir hinterließ. Ich hole das trotzdem noch schnell nach, ja? „Die Stunde, wenn Dracula kommt“, das ist: Barbara Steele! Bavas fabelhafte Schwarzweißfotografie und Trickserei! Unglaublich makabere Einfälle und Stimmungen! Ein B-Movie in edelster Tapete sozusagen. Das dürfte reichen.

Wäre jetzt Sommer, hätte ich einen ähnlichen Text wohl zu „An American Werewolf In London“ verfasst. Wäre Spätsommer, dann zu „Tanz der Teufel“. Läge Schnee auf den Straßen, zu Vincent Price-Filmen oder den Universal-Klassikern mit Karloff, Chaney Jr. und Konsorten. Und die Hammer-Filme? Und Jack Arnold...? Da wüsste ich ja gar nicht, wo ich aufhören soll...

LIEBLINGSFILME

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