Durchs soziale Netz gefallen

In letzter Zeit gab es ja hier einige kritische Kommentare über die Arbeitswelt. Dazu passt - in letzter Konsequenz - sehr gut dieses erschütternde Sozialdrama des Kinohumanisten Ken Loach („Angels’ Share - Ein Schluck für die Engel“), das ich Euch hier mal ans Herz legen möchte, auch wenn es Euch Schmerzen bereiten wird. Die Geschichte, die der 80-jährige Loach nämlich in seinem neuen Film erzählt, ist eine, die das Leben täglich schreibt - und die gerade deshalb mehr an die Nieren geht als irgendein konstruiertes Rühr- und Lehrstück.

Menschen fallen unverschuldet durch das „soziale“ Netz, irren durch Behördengänge, werden in den Mühlen der Bürokatie zermahlen. Hier der Brite Daniel Blake (wunderbar resolut: Dave Johns). Nach einem Herzinfarkt ist der 59-jährige Zimmermann nicht mehr in der Lage, seinem Beruf nachzugehen. Er beantragt Sozialhilfe, doch schon der erste Besuch beim Sozialamt gerät für den Witwer zur Farce. Hier begegnet er der jungen, alleinerziehenden Katie (Hayley Squires) und ihren beiden Kindern, die sich ebenfalls mit der Ungerechtigkeit des britischen Sozialstaats herumschlagen müssen. Daniel und Katie werden Freunde, unterstützen einander und kämpfen gemeinsam ums Überleben in einem perfiden System, das weder Logik noch Menschlichkeit kennt.

Gerade die kleinen Gesten dieser Freundschaft zwischen zwei Verlorenen sind es, die Loachs warmherzige Milieustudie zu einem aufrüttelnden emotionalen Erlebnis machen. Wut, Hoffnung, Verzweiflung, Freude - dank präziser Dramaturgie und den authentisch agierenden Darstellern Dave Johns und Hayley Squires übertragen sich die Gefühle der Hauptfiguren eins zu eins und lassen bis zum konsequent gesetzten Schlussakkord mitleiden und -hoffen.

Loachs eindringlicher Realismus hinterlässt nicht nur beim Zuschauer tiefen Eindruck, sondern überzeugte auch die Jury in Cannes: Nach seinem Drama „The Wind That Shakes the Barley“ (2006) wurde der bekennende Trotzkist für „Ich, Daniel Blake“ bereits zum zweiten Mal mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.

Kann ein Film das System verändern? Man hofft es schon sehr, wenn man nach diesem aus dem Kino wankt.

Ich, Daniel Blake

https://www.youtube.com/watch?v=Y0oGoVn49VQ