Eine laienhafte Rezension - Udo Lindenbergs "Hinterm Horizont"

„Ich frage mich, warum überhaupt Kriege geführt werden!“ Was wie ein pseudomoralistisches Credo für Sesselohrenintellektuelle klingt, ist das heimliche Motto des Lindenbergischen Spektakels „Hinterm Horizont“. Ich hatte das große Glück bei einer der zahlreichen abendlichen Aufführungen im Publikum zugegen zu sein. Ein Freund großer Lobhudelei bin ich gottbewahre nicht, doch die schonungslose Ehrlichkeit des Stückes vermochte es beinahe meinen erstaunten Augen eine Träne zu entlocken obwohl ich mich nun wirklich standhaft wehrte. Oder, um es in den Worten der aufmüpfigen FDJ-Aktivistin und Protagonistin Jessy auszudrücken: “Du sagst, da wär' 'ne Trauer in meinem Gesicht - was für'n Quatsch! Das ist doch nur das Flimmerlicht.“
Auch die superlativische Schreibweise eines Feuilletons ist keines meiner liebsten stilistischen Mittel. Begriffe wie „schillernd“, „überragend“ und „außergewöhnlich“ nutzen schnell ab. Denn, wenn alles außergewöhnlich ist, bleibt es dennoch gewöhnlich. Dennoch, müsste ich die Erfahrung beschreiben die ich im Operettenhaus an der Hamburger Lebemeile Reeperbahn beschreiben, ergäbe dies wohl ein krudes Wortgemisch, welches seinesgleichen sucht. Ich saß nicht in einem anonymen Zuschauerraum, sondern direkt im Herzen unserer gespaltenen Großstadt als dem hoffnungsvollen jungen Pärchen der kalte Atem des Staatsapparates in den Nacken haucht. Ich sah nicht die herzzerreißende Geschichte einer lieblosen Familie in einem zerrissenen Land, sondern fühlte die verborgenen Sehnsüchte einer gesamten Generation die im Schatten einer großen Mauer aufwuchs. Leichtfüßig tanzte das selbsternannte „Duo Infernale“ über das Bühnenparkett und für wenige Stunden tauchte man ein in eine bunte Welt des Singens, Tanzens und einer flammenden Liebe.
Zwar ist das Singspiel kein wirklich biographisches Porträt des wohl beliebtesten Residenten im Hamburger Hotel „Atlantic“, Udo Lindenberg. Seine Kompositionen für das Musical beinhalten jedoch zahlreiche pazifistischen und liberalen Gedanken, die eindeutig Einflüssen aus dem Leben des extravaganten Künstlers entspringen. Viele Stücke klingen nach persönlichen Abrechnungen mit dem so verhassten Spießertum. „Und wir waren die zwei Geflippten, die durch nichts zu bremsen sind und wir schwammen gegen die Strömung und rannten gegen den Wind.“ Singt der junge hanseatische Rockknabe während er seine ostdeutsche Geliebte umgarnt. Durchaus Gewagte Zeilen, wenn man den Altersdurchschnitt und sozialen Status des Publikums einmal betrachtet.
„Hinterm Horizont“ stellt viele Fragen und ist gleichermaßen auch ein Lehrstück deutscher Geschichte. Das Musical entlässt den Zuschauer mit dem Auftrag die individuelle Freiheit aufrechtzuerhalten, ohne allerdings das Gemeinwohl zu vernachlässigen. Es straft Jene, die ohne Unterlass unterdrücken um keine Freiheit aufkeimen zu lassen und bestärkt Solche, die in jugendlicher Manier aufbegehren um eine gerechtere Gesellschaft zu ermöglichen. Außerdem bietet die Handlung Anlass dazu, von Frieden und gegenseitigem Verständnis zu träumen. Um sich mit den Worten Udos direkt an die weltpolitischen Machthaber zu wenden: „Ich hoffe, dass die Jungs das nun bald in Ordnung bringen.“

Hinterm Horizont