endlich da: die Schoko-Diät !

Ich habe in den letzten 15 Jahren ca. 80 Kg abgenommen, mit verschiedenen, vielversprechenden Diäten. So nach und nach, immer mal 8-12 Kg. Jeweils danach habe ich dann wieder 10-15 Kg zugenommen.

Bis auf diesen JoJo-Effekt waren diese Diäten also sehr wirksam, und sogar von führenden Experten empfohlen. Leider waren die erlaubten Speisen nicht immer so lecker.

Aber jetzt gibt es sie, die ultimative Schokoladen-Diät, ohne JoJo-Effekt. Die Wirksamkeit ist von den Wissenschaftlern des "Instituts of Diet and Health (IDH), gesundheitswissenschaftlicher Non-Profit Thinktank“ in Mainz nachgewiesen.

Doch leider gibts die Firma nur im Internet. Und die Diät ist auch ein Fake. Zwei Autoren vom ZDF und ARTE zeigen in der Sendung "planet e.“ (Arte-Erstausstrahlung am 5.6.2015 um 21:45 Uhr), dass „wissenschaftliche“ Studien und Expertenmeinungen zur Produktwerbung leicht manipuliert werden können.

Zu diesem Zweck erfinden sie eine Schokoladen-Diät: "The Chocolate Transformation" - und führen eine wissenschaftlich begleitete Studie durch, die so absurd ist, dass man sie nicht ernst nehmen dürfte. Dennoch werden die positiven Ergebnisse in renommierten Zeitschriften publiziert und überzeugen Leser und auch Ärzte. Diese empfehlen dann die entsprechenden Diäten. Nicht nur die großen Abspeckunternehmen wie "Weight Watchers", "Bodymed", "Optifast", auch Diäterfinder wie "Montignac" oder "Atkins“ schmücken sich mit derartigen wissenschaftlichen Untersuchungen.

Die Studie geht über drei Wochen und es werden 16 Personen in 3 Gruppen eingeteilt: Gruppe a) isst so weiter wie zuvor, Gruppe b) kriegt eine Diätkost, Gruppe c) kriegt die gleiche Diät, zusätzlich aber noch morgens und abends einen Riegel Bitterschokolade. Die „Wissenschaftler“ wissen nicht, wer in welcher Gruppe ist, so kann man von einer Doppel-Blindstudie sprechen. Das hört sich sehr seriös und professionell an.

Die Probanden werden jeden Tag gewogen, gemessen und es wird eine Urin- und Blutprobe genommen. Veränderungen im minimalsten Bereich sind wichtig. Es werden die Merkmale herausgesucht, die die Behauptung unterstützen z.B.: "Die Schokoladengruppe verlor zehn Prozent mehr Gewicht als die Vergleichsgruppe“. Diese Aussage ist auch dann nicht falsch, wenn die Vergleichsgruppe nur 100g abgenommen hat und die Schokoladengruppe 110g.

Verschiedene Tricks werden angewandt, z.B. das "Drop out“: Die Probanden, die nicht ins gewünschte Ergebnis passen, werden rausgeworfen. Gruppe a) und b) trinken vor den Wiegen ein grosses Glas Wasser. Sie sollen ja schwerer sein als die Schokoesser. Es wird wegelassen, was nicht gefällt und so bekommt man die Kurven, die gewünscht sind.

Gefälscht aber wird nicht. Höchstens geschummelt - wie es bei jeder Studie möglich ist: Bei der Auswertung der Ergebnisse holen sich die „Wissenschaftler" einen Ökonometriker zu Hilfe, der normalerweise Statistiken für eine Bank aufbereitet. Der kann die Messungen so darstellen, dass das gewünschte Ergebnis herauskommt, z.B. legt er die Ergebnisse von jedem oder nur jedem 2. oder 3. Tag zugrunde.

Alles und jeder wird für ein Literaturverzeichis zitiert. Das gibt einen prima wissenschaftlichen Anstrich.

Die Studie wird in Englisch abgefasst und an ein Wissenschaftsjournal in den USA geschickt. Sie wird von echten Wissenschaftern geprüft, deren Hauptinteresse daran wohl die 600 $ sind, die sie dafür erhalten. Die Studie wird für gut befunden und veröffentlicht. Man kann sich jetzt in der Pressemitteilung auf die Originalpublikation beziehen: "(…) durch die Schokolade wird der Fettabbau beschleunigt, der Jojo-Effekt minimiert. Das haben Wissenschaftler des Instituts of Diet and Health in ihrer jüngsten Studie festgestellt, die in den renommierten 'International Archives of Medicine' veröffentlicht wurde."

Die Pressemitteilung wird an Agenturen, wie die dpa und andere lanciert. Sie wird ungeprüft übernommen. Wie zu erwarten kämpft sich kein Journalist durch die „wissenschaftichen“ Spezialvokabeln der Studie. Die Vermarktung der Schokoladendiät erfolgt über eine schnell gestrickte Website (auf Englisch), Imageclips, Facebookseite usw.

Dann am 28.3.2015, (Ostersamstag) bringt „BILD“ einen Bericht auf der Titelseite: "wer Schoko isst nimmt schneller ab“. Cosmopolitan, Brigitte, RTL, Focus online, u.a. springen auf den Zug auf. Dann wird die Pressemitteilung auch an Agenturen in England geschickt. Sofort stürzt sich die Boulevardpresse auf die Sensation. Dann wird sie in den USA und bald in aller Welt veröffentlicht, selbst in China, Indien, Australien, Russland, und sogar in einigen afrikanischen Ländern. Der Fake ist ein voller Erfolg!

Natürlich vertraut der Verbraucher (und auch Ärzte) auf die Meinung von Experten, er hat ja keine anderen, objektiven Kriterien. So haben viele Übergewichtige Erfahrungen mit Diäten, die nicht funktionieren: Sie sind auf dubiose Studien hereingefallen - so wie ich.

Wer damit wirbt, die Wissenschaft hinter sich zu haben, kann fast alles als Diät verkaufen
Der wissenschaftliche Anstrich ist sehr umsatzfördernd, deshalb werden solche Studien oft mit Tricks manipuliert. Bei Diät-, Wellness-, Kosmetikprodukten ist das zwar ärgerlich, aber medizinisch unbedenklich. Bei Mitteln gegen Diabetes, Krebs, hohen Blutdruck etc., die ja auch auf diese Weise beworben werden, kann das aber gesundheitsgefährdend sein.

Wem soll man da noch glauben?

Diäten

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2418780/Schlank-durch-Schokolade#/beitrag/video/2418780/Schlank-durch-Schokolade