Er ist wieder da...

Er ist wieder da. Nein, nicht dER, jedenfalls noch nicht. Obwohl ER natürlich auch eine besonders liebevolle Beziehung zu demjenigen pflegte, von dem hier die Rede sein soll.

2016 war das Jahr des Hasses. Ob als aggressive Stimmung gegenüber allem, was da fremd erscheint, oder als scheinbar berechtigtes Alltagsgefühl – der Hass erlebte im letzten Jahr ein beispielloses Revival.

Auch normalerweise vernunftbegabte Menschen wie zum Beispiel Journalist*innen fühlten sich 2016 immer wieder berufen, für ihn Partei zu ergreifen, weil sie aus irgendwelchen Gründen glauben, „die da oben“ wollten ihnen ein „Gefühl“ verbieten, wie immer das auch gehen soll.

In dem referenzierten Kommentar hatte ein Journalist jedenfalls das Gefühl, seinem Recht auf Hass Ausdruck verleihen zu müssen, und wählte dafür als Beispiel den in seinen Augen verteidigenswerten Everyday-Hass auf die Kassierer*innen dieser Welt, die ihn nach eigener Aussage bei jedem Einkauf mit der viel gefürchteten Frage nach dem Besitz einer Payback-Karte regelrecht foltern (mimimi).

Wohlan, da ich als geht-so-passionierte Benzinverkäuferin bei einem großen Tankstellenkonzern in dieser bornierten Tirade irgendwie ja selbst Objekt des Hasses bin, möchte ich mal kurz anhand dreier, direkt auf das Payback-Beispiel bezogener Thesen zeigen, warum es sich einfach nicht lohnt, den Hass in sich zu kultivieren.

1. Hass ist destruktiv.

Versteht sich eigentlich von selbst, aber vielleicht ja auch nicht – man kommt ja angesichts solcher Kommentare wie dem von Herrn Journalistikus Mayer doch manchmal ins Zweifeln. (Wer da anderer Meinung ist: Bin gespannt auf Gegenbeispiele, also auf z.B. historische Fortschritte, die nachweislich durch Hass herbeigeführt wurden, nur zu, liebe Hate-Lovers!)

Wie schon erwähnt, 2016 war das Jahr des Hasses, auch für mich persönlich. Im letzten Jahr habe ich nämlich erstmals den Hass (nein, ich meine nicht Wut, sondern wirklich HASS) von jemandem so richtig ins Gesicht gespuckt gekriegt. Kein schönes Gefühl, wie jede/r weiß, die/der so 'was schon mal am eigenen Leib erlebt hat, ob im echten Leben oder online. Danach weiß man, was Hass alles kaputtmachen kann, darunter wichtige Dinge wie Nervenkostüm, den guten Ruf oder auch z.B. Mobiliar.

Allerdings kann Hass nicht nur destruktiv auf das „Objekt“ des Hasses wirken, sondern auch auf den Hassenden selbst. Ich will gar nicht behaupten, dass ich noch nie jemanden oder etwas gehasst hätte; Hass setzt als Gefühl sogar eine Zeit lang große Energien frei, die jedoch, sofern sie sich nicht direkt zerstörerisch am Objekt des Hasses entladen können, im besten Fall völlig sinnlos verpuffen, im ungünstigsten Fall den Hassenden selbst krank machen.

Hass ist also als Gefühl, obwohl er wohl schlecht „verboten“ werden kann oder sollte (da haben Sie, glaube ich, um Ihrer Polemik willen 'was falsch verstanden, Herr Mayer...), nichts, das sich zu hegen und pflegen lohnt. Er mag zwar in gewisser Weise „natürlich“ sein, aber das sind Krampfadern auch, und keiner würde wohl aus diesem Grund für ein Recht auf Krampfadern plädieren.

2. Hass ist ein Luxusproblem.

Damit meine ich natürlich nicht den Hass der Israelis gegen die Palästinenser oder ähnliche Fälle, die auf einem ganz anderen Blatt stehen, sondern den „Hass“, den manch friedensverwöhnte/r Zeitgenoss*in dieser Tage so vehement meint verteidigen zu müssen.

Beispiel Payback: Wer meint, jemanden wegen einer läppischen, mit einem Wort zu beantwortenden Frage „hassen“ zu müssen, hat entweder die Bedeutung des Wortes Hass nicht verstanden, oder sie/er hat ein selbstgeschaffenes Luxusproblem. Wer sich ernsthaft über so 'was aufregt, hat mein volles Mitleid, denn diese Art von Luxusproblemerschaffungszwang in Kombination mit einem doch sehr destruktiven Gefühl wie Hass führt nicht selten über den Bluthochdruck direkt in den Herzinfarkt.

Also, Herr Mayer, ohne Ihnen 'was unterstellen zu wollen: Ich habe den Eindruck, Sie wissen entweder gar nicht, was Hass wirklich ist, oder Sie haben Ihren fragwürdigen Kassierer*innen-Diss nur veröffentlicht, um auch mal den Mario Barth zu machen („Paybackkarte! Kennste? Kennste?“) und von gleichgesinnten Hater*innen ein paar wohltuende Highfives zu kassieren, was ich, ehrlich gesagt, vermute. Nix für ungut.

3. Hass verblendet und trifft darum oft die Falschen.

Neben dem beglotzten Ausschnitt der Verkäuferin scheint den Autor des referenzierten Kommentars wohl auch sein sogenannter Hass in die irrationale Irre geführt zu haben. Als 8,50 EUR-Payback-Terroristin kann ich dazu mal den anscheinend völlig unoffensichtlichen Umstand bestätigen, dass das Kassenpersonal vom Franchisenehmer dazu verpflichtet wird, nach einer eventuell vorhandenen Payback-Karte zu fragen und dies nicht etwa aus eigenem Antrieb tut, um mies gelaunte Kund*innen noch mies gelaunter zu machen. Aha!

Übrigens: Auch das Kassensystem gibt die Payback-Frage vor. Die/der Kassierer*in muss nämlich per Klick bestätigen, dass keine PBK vorhanden ist, bevor der Vorgang fortgesetzt werden kann.

Ein Grund dafür ist, dass, sollte ein/e Kund*in eine PBK besitzen, diese aber nicht ungefragt zum Einscannen vorzeigen, sie/er sich gern hinterher empört, dass die wertvollen Punkte ihr/ihm nun nicht gutgeschrieben wurden. Die Folge: Stornierung des Verkaufsvorgangs, gefolgt von einem erneuten Buchungsvorgang inklusive der Payback-Punkte. Wie man sich denken kann, kostet das alle Beteiligten Zeit und Nerven, inklusive der Kund*innen in der Schlange, die sich bis zum Abschluss dieser Prozedur in der Regel gebildet hat.

Die Thesen zu diesem Alltagsbeispiel können m.E. auch auf den hierzulande wieder schwer angesagten Fremdenhass übertragen werden; wer sich dazu äußern, die Thesen widerlegen oder gerne auch ergänzen möchte, fühle sich hiermit ausdrücklich zum Re-Comment herausgefordert.

Noch ein letztes Wort vom unteren Ende der kapitalistischen Nahrungskette: Nein, liebe Kund*innen, die Ihr immer wieder meint, meinesgleichen mit Eurer endlosen Kleingeldzählerei an der Kasse um unsere Zigarettenpausen bringen zu müssen: Ich hasse Euch nicht. Denn, da bin ich mir ziemlich sicher, Ihr wisst nicht, was Ihr tut. Außerdem hab ich einfach Besseres zu tun, zum Beispiel den Laden fegen.

In diesem Sinne, ein hassfreies Jahr Euch allen hier und sonstwo da draußen.

P.S.: Herr Mayer, wenn Sie keine Payback-Karte haben, hätten Sie vielleicht gern eine? :P

Das hat 2016 uns gebracht

http://www.achgut.com/artikel/warum_man_hassen_duerfen_muss

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