"Free Fire" (2016)

Am ersten Mai war ich im Kino. Irgendwie habe ich es gerade mit Ballerfilmen. Darunter gibt es solche und solche. Aber wenn der Abzug gezogen wird, dann knallt es. Und ich mag bleihaltige Opern. "Free Fire" ist bleihaltig. Äußerst bleihaltig. Dermaßen bleihaltig, dass ich beim Verlassen des Saales das Bedürfnis verspürte meinen Leib auf Löcher hin zu untersuchen. Ich hatte verdammt viel Glück.

Die Handlung, oder sagen wir besser Rahmenhandlung, passt auf einen halben Bierdeckel. Kleinganoven wollen einen Waffendeal in einer entlegenen Lagerhalle über die Bühne bringen und der geht ordentlich schief. Ein erster Schuss fällt und trifft. Der Rest ist Kettenreaktion.

Nach dieser kurzen Einführung geht alles relativ abrupt über in einen (geschätzt) 70-minütigen Schowdown. Das, was bei anderen Filmen erst am Schluss kommt, wird hier zum zentralen Akt.

Ein Gefecht bietet unendlich viel Raum für Situationskomik, Charakterentwicklung, Überraschungen und was man sonst noch so sagen möchte. Wir haben es hier nämlich nicht mit Revolver-Akrobaten wie sonst zu tun, sondern mit realistisch angelegten Charaktären, inklusive ihren Talenten im Umgang mit Waffen. Und die ab und an durchaus tödlichen Gerätschaften halten sich ebenfalls stur an die uns vertrauten physikalischen Gesetze, sie machen es den Beteiligten nicht so leicht ins Rote zu treffen.

Meistens wird das Ziel verfehlt, oder oh Wunder, plötzlich ist das Magazin leer. Schon wieder. Die meisten Schüsse in "Free Fire" gehen daneben. Man möchte fast sagen, wie wohl im richtigen Leben auch. Vermutlich. Die Protagonisten liefern sich eine Art Grabenkampf in dieser Halle und kriechen die meiste Zeit durch irgendwelchen öligen Schrott. Manche sind cool, andere weniger. Die einen mutig, andere nicht so sehr. Oder bescheuert. Oder wahnsinnig. Was sie eint ist jedoch eines: Schusswunden. Zunächst vereinzelt, aber über die Zeit verirrt sich doch eine Menge Blei an erhoffte und unverhoffte Stellen. Das bringt einen nicht gleich um. Aber es drückt die Stimmung. Und kostet Kraft. Aus den großmäuligen Ganoven zu Beginn wird ein blutender, lahmender Haufen von planlosen Überlebenskämpfern.

Ich fühlte mich äußerst wohl in dieser Welt. Und mein Lächeln, das sich frühzeitig auf mein Antlitz legte, wich nicht mehr bis ich zu Hause war. Ich sah mich zurückversetzt in die 90er, als solche Gangster-Possen gerade in wurden und noch sympathisch und gut "geerdet" waren. "Free Fire" ist ein Enkel von "Reservoir Dogs". Schon anders, aber der Einfluss lässt sich nicht leugnen. Die letzte Einstellung ist ein direktes Zitat. Das sehe ich als klares Statement.

Er verzichtet auf zu große "Schenkelklopfer" oder triefende Coolness. Alles bleibt hübsch im Rahmen und glaubhaft. Was nicht heißt, dass der Aberwitz ausbleibt. Aber der kommt ohne Fanfaren daher und spricht für sich selbst. Die Kunst ist es ja in der Übertreibung nicht übertrieben zu wirken. Das bekommt der Streifen locker hin. Die Stimmung ist großartig. Er spielt übrigens in den 70ern. Entsprechend launige Frisuren und Klamotten bekommt man zu sehen. Dazu gesellt sich ab und zu John Denver aus dem vorsintflutlichen Kassettendeck eines Vans. Das kommt schon ziemlich großartig.

Martin Scorsese unterstützte das Projekt, nachdem er das Drehbuch in die Hände bekam und  Ben Wheatley ("Kill List") hat einen weiteren Knaller (!) hingelegt.

Der Film geistert durch die Programmkinos. Ihr solltet ihm 'ne Chance geben. Kleines Juwel.

Ben Wheatley, Quentin Tarantino, Farce, Gangster

https://youtu.be/D3YLrGb8PMQ