Fuck the princess oder: Woran meine Clownslaufbahn scheiterte

Überraschung – einer meiner ersten Berufswünsche war Clown. Weibliche Clowns schien es allerdings nicht zu geben. Weder im Zirkus, noch in irgendwelchen Büchern oder Filmen habe ich jedenfalls, so weit ich mich erinnere, jemals eine Clownin gesehen.* Das Wort steht zwar im Duden, gehört habe ich es in meinem ganzen Leben nicht. Eine Aussage, die ich dagegen später mehrfach und auch von sogenannten gebildeten Menschen hörte: Frauen sind halt einfach nicht lustig. Deshalb gäbe es auch so wenige Comediennes und Kabarettistinnen. Dass zumindest Letzteres der Wahrheit entspricht, kann ich als Comedy-Redakteurin bestätigen. Ob Männer einfach lustiger sind oder eher dazu tendieren, sich selbst dafür zu halten oder dafür gehalten zu werden, sei mal dahingestellt.

Dann wollte ich auch mal Priesterin werden (ja, ich). Aus der Bibel vorlesen, huldvoll durch die Gegend schreiten, feurig über die Hölle predigen und selbstgeweihte Oblaten an meine Geschwister verteilen – das alles fand ich super. Dass dieser Traum Realität werden würde, war allerdings, wie ich bald erfahren sollte, noch unwahrscheinlicher als die Clownslaufbahn. Warum ich keine Priesterin werden durfte, konnte mir keine/r der mich umgebenden Gläubigen erklären, und es macht auch bis heute keinen Sinn. Übrigens einer der Faktoren, die dazu geführt haben, dass ich mich von der katholischen Kirche schon sehr früh abgewendet habe, deren rückständige Geschlechtervorstellungen hier nicht weiter ausgeführt werden sollen.

Was also konnte man als Mädchen werden? Wie in dem referenzierten Video anschaulich gezeigt: Prinzessinnen waren und sind in der „Mädchenwelt“ als role model bis heute omnipräsent. Was absurd ist, weil die Chancen doch sehr gering sind, dass frau eine wird. Wusste ich damals noch nicht, von daher schien es zeitweise naheliegend, mich für den Prinzessinnenberuf zu entscheiden. Nee nee, sagte da meine Mutter. Um eine Prinzessin zu sein, müssen die Eltern adelig sein. Waren meine nicht, aber da gab es ja immer noch die Möglichkeit, einen Prinzen zu heiraten. Aha! Und dafür muss man noch nicht mal irgendwas lernen, sondern nur ein schönes Kleid anziehen und zur rechten Zeit am rechten Ort sein, also z.B. in England. So hatte ich das tatsächlich eine Zeit lang abgespeichert. Zum Glück ist es dazu nie gekommen.

Heute bin ich zwar ganz froh, dass ich keine Clownin (wobei...) oder Priesterin oder Prinzessin bin. Bemerkenswert und irgendwie traurig ist aber doch, dass ich schon als kleines Kind teils schmerzhaft an die Grenzen gestoßen bin, die stereotypes Geschlechterdenken gerade Mädchen, aber auch Jungs schon in frühester Kindheit setzt, sodass viele Möglichkeiten schon im Keim erstickt werden.** Sich von solcher Denke zu emanzipieren ist ein langer und steiniger Weg.

Von daher ein Gewinn für alle, wenn wir solche limitierenden Stereotype durchbrechen, indem wir Kinder einfach nicht mehr mit den immer wieder gleichen Heldinnen und Helden umgeben, die uns früher von allen Seiten eingeflüstert haben, was Frauen/Männer tun können und was nicht.***

In diesem Sinne: Amen, liebe Brüder und Schwestern.

*Angestrebte Karrieren als Angler, Bundeskanzler, Computerfachmann und Schiffskapitän scheiterten frühzeitig an ähnlichen Überlegungen.
** So dachte ich zum Beispiel Jahre lang, es könnte keine männlichen Krankenpfleger geben, oder habt Ihr schon mal den Begriff „Krankenbruder“ gehört??
*** Mit „wir“ meine ich in diesem Fall Autor*innen, Illustrator*innen, Filme-, Fernseh- und Theatermacher*innen und andere Diskursproduzent*innen, wobei Eltern, Großeltern usw. natürlich auch angesprochen sind.

Gender

https://www.youtube.com/watch?v=DeEf35wQqJY

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