Ganovenehre. Oder so …

Gibt es sie? Hat es sie jemals gegeben? Ich denke schon. Einst wie heute ist sie eine Frage des Charakters und damit beim Einen vorhanden, beim Anderen nicht. Charakter ist nicht angeboren. Hängt ab vom Werdegang. Wird gefördert durch Vorbilder. Jetzt ist in meinem Bewegungsradius ein Zwanzigjähriger von vier Typen ins Krankenhaus geprügelt worden. Mit mehreren Knochenbrüchen wurde er eingeliefert. Es geschah, wie sich das mittlerweile ja fast schon so gehört, in einer U-Bahn-Station. Eine, die ich ab und zu selbst frequentiere. Das fühlt sich dann gleich eine Ecke weniger abstrakt an. Nicht irgendwo weit weg, in Hamburg oder Berlin, wo das sonst immer zu passieren scheint.

Zu viert sind sie auf ihn los. Und als derjenige bereits am Boden lag haben sie natürlich mit vereinter Power noch nachgesetzt. Nichts Schöneres, als wehrlose Knochen krachen zu lassen. Alles mal vier sozusagen. Total irre. Total armselig. Badass? Je nachdem, auf welcher Seite man steht vermutlich. Schlimmer Asi zu sein schmeichelt wohl dem Selbstkonzept mancher Gestalten. Ein geistig gesunder Mensch würde sich was schämen, bei so einem "heldenhaften" Akt auch nur zugesehen zu haben. Ich würde mich schämen. Weil keine Ahnung, was mir in so einer Situation mein Selbsterhaltungstrieb diktiert, im krassen Angesicht eines möglicherweise unmittelbaren, dräuenden Schicksals. Ich hoffe ich bin dann nicht feige. Aber hey, lets keep it real.

Und wieder der erste Impuls, als ich davon im Bus zur Arbeit las: Rache. In meiner Phantasie werde ich dann zu einer Kreuzung aus Hulk und einem Pürierstab. Ich würde am liebsten die Visagen dieser gefährlichen Lufthirne so platt knüppeln, dass ihre zermantschten Augen zum Hinterkopf rauskucken … die umliegenden Wände mit ihren Gehirnen streichen … mit blanken Händen würde ich …

HALT!! Tief durchatmen! Bis 4000 zählen …

Wahrscheinlicher ist, dass die das dann mit mir machen, wenn ich ihnen todesverachtend zublinzele und Ehrfurcht gebietend um Gnade schlottere. Weil es genau das ist, was diese "Heroen" suchen. Opfer. Keine Aufgabe, bzw. Herausforderung. Sie möchten ihre Freiheit demonstrieren. Vor allem die Freiheit von dem, was den Menschen weitgehend vom Tier unterscheidet. Freiheit von dem, was Respekt vor dem Leben anderer meint.

Wenn ich morgens von solchen Dingen lese ist der Tag eigentlich gelaufen. Es kommt immerwieder hoch, perforiert die gute Laune, die sich mühsam aufzubauen versucht, sie fällt immer zusammen wie ein Kartenhaus. Es gibt Dinge, da bekomme ich mein Hirn nicht drumherum gewickelt. Und umso frustrierender, wenn man realisiert, dass man selbst ja auch manchmal teilnehmender Kandidat an diesem Glücksspiel ist. Bei "Der Preis ist Schmerz". Hinter welchem Tor stehen sie wohl diesmal, die feisten Jungs? Die fleischgewordenen Zonks? Keine Männer. Leitlich menschenähnliche Testosteron-Geschwüre auf der Suche nach dem feigen Kick. Wie diese weißen Fettärsche, die aus vergitterten Jeeps heraus Löwen abknallen um dann über deren Kadavern stolz Selfies zu schießen.

Das bringt mich zurück zur Ganovenehre. Klar kann man mit härteren Strafen winken, mehr Überwachung installieren oder die Begebenheiten abermals dem Verdrängen vor die nebelige Höhle legen, darauf hoffend, dass man schon nicht selbst unter die Räder geraten wird. Noch wichtiger wäre es ja gegen Ursachen für solches Verhalten vorzugehen. Doch scheinbar ist dieser Knoten ein Gordischer, weil wie lange kennt man das jetzt schon und doch erleben wir in letzter Zeit einen Aufwärtstrend. Nicht unbedingt in der Häufigkeit, ein Veilchen hätte es früher in keine Berichterstattung geschafft, aber beim Grad der Barbarei.

Wie sehr muss man sich selbst verachten, um keinen Funken Stolz, kein bisschen Ehrempfinden zu besitzen, das einen davon abhält? Ein wenig Ganovenehre, die immerhin gewisse Grenzüberschreitungen mit dem Gefühl der Scham belegt, mit einer "Sowas Feiges und Peinliches mache nichtmal ich"-Sperre im Kopf. Dass es einem vor den Kollegen peinlich wäre. Dass man sein eigenes Spiegelbild anspucken möchte, nachdem man sich hat hin- und mitreißen lassen. Und wenn einer der Ganoven-Kumpels sowas macht, dann kriegt er von den anderen aufs Maul und darf nichtmehr mitspielen. Nicht, dass ich maßlose Vergeltung aus den eigenen Reihen gut heiße, aber so ein gewisser regulierender rauher Wind aus dieser Richtung wäre vermutlich hilfreich. Um einen Charakter zu formen, der sich dann nichtmehr mit solchen Arschlöchern gemein machen lassen möchte. Selbst im Reich der harten Mädels und Jungs sollten solche Individuen geächtet sein und kein gutes Standing haben. Kinderficker, Vergewaltiger, solche, die Unschuldige wie auch immer misshandeln, sollten als eine Kategorie gelten und entsprechend Ächtung erfahren. Von allen.

Guten Sonntag. Und heile Knochen.

Grübeln, Sinnieren und Tagträumen..., Gewalt, vergewaltigung, Vergeltung

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