Gebt ihm wenigstens 100 Tage!

In der politischen Kultur, in der ich aufgewachsen bin, gab es ein ungeschriebenes Gesetz, das scheinbar inzwischen außer Kraft gesetzt ist. Danach gab man jeder neuen Regierung und jedem neuen Funktionsträger im Amt 100 Tage, um sich im Amt zu beweisen, bevor man härtere Saiten aufzog und ihn in Grund und Boden kritisierte. Heutzutage scheint man nicht mal mehr bis zum Amtsantritt damit zu warten und macht mit „Nicht mein Präsident“-Demonstrationen, pauschalen Behauptungen, die bis an die Grenze zur Verleumdung gehen, und mit Schaum vor dem Mund geäußerter Kritik an jedem einzelnen Wort des zukünftigen Amtsträger jede Chance auf einen unbelasteten Beginn seiner Amtszeit unmöglich.

Es ist mir klar, dass Donald Trump gegen den Willen der meinungsbildenden Klasse und der lautstarken und wortgewaltigen Mehrheit der netzaffinen Jugend gewählt wurde. Auch in mir erweckt der Anblick dieser föhnfrisierten und selbstüberzeugten Figur keine wirkliche Sympathie. Auch ich erinnere mich sehr gut an seine Äußerungen im Wahlkampf und in jenem Film, in dem er sich als frauenverachtenden Macho entpuppte. Auch mir ist nicht wohl dabei, dass dieser Mensch in Zukunft Oberkommandierender der amerikanischen Streitkräfte sein wird. Auch ich muss zugestehen, dass er wohl nicht die Mehrheit aller abgegebenen Stimmen auf sich vereint. Dennoch muss klar festgestellt werden, dass Donald Trump nach den geltenden amerikanischen Wahlgesetzen gewählt ist. Er wird also in Zukunft sein Amt als Präsident der Vereinigten Staaten antreten, selbst wenn es denen, die ihn nicht gewählt haben, nicht passt.

Im Grunde sollte sich jeder, der jetzt von Mittel und Wegen träumt, einen Amtsantritt von Trump zu verhindern, fragen, ob er die Spielregeln einer Demokratie verstanden hat. Dankenswerterweise scheint dieses Verständnis im offiziellen Washington vorhanden zu sein, wie der Besuch Trumps bei seinem zukünftigen Vorgänger belegte. Die Art und Weise, in der Präsident Obama versuchte, seinem ungeliebten Nachfolger den Weg ins Amt zu ebnen, belegt, dass er nicht nur kein schlechter Verlierer ist, sondern auch verstanden hat, worum es geht, um eine funktionierende Demokratie, in der jeder bereit sein muss, sich selbst hinter funktionsbereite Institutionen zurückzustellen. Im Grunde sollte man sich nicht nur in Washington, sondern auch weltweit ein Beispiel daran nehmen. Trump ist gekommen, um zu bleiben, und man sollte aufhören, mit der Vergangenheit zu hadern, und beginnen, die Zukunft mit ihm zu gestalten.

Wie eine solche Zukunft sich nach Trumps Ansicht darstellen könnte, hat dieser ja im Wahlkampf ausreichend dargestellt. Nicht alles davon ist praktikabel, und nicht alles ist menschenverachtend, frauen-, schwulen- oder fremdenfeindlich. Manches ist durchaus positiv zu sehen. Um das wahrzunehmen, müsste man allerdings bereit sein, sich ernsthaft mit Trump zu befassen, ohne allzusehr durch eine grundlegende Empörungsbereitschaft daran gehindert zu werden. Für mich hört sich beispielsweise Trumps Ansatz, in Zukunft von weltweiten Einmischungen in den inneren Angelegenheiten anderen Länder abzusehen und die militärische Komponente der amerikanischen Außenpolitik deutlich zurückzufahren, wie ein Grund zur Hoffnung an. Die weltweite Linke, zu deren grundlegenden Argumentationsmustern die Kritik am waffenstrotzenden amerikanischen Imperialismus gehört, müsste eigentlich frohlocken, dass der zukünftige amerikanische Präsident ihr Recht gibt. Nur wird sie dies niemals tun, weil sie den Kerl von Anfang an nicht gemocht hat.

Im Grunde kann Trump derzeit eh nichts richtig machen, wie ein Artikel im Stern zeigte, dessen Autor forderte, Trump solle gefälligst sein Präsidentengehalt nehmen. Er habe schließlich als Präsident dem Volke zu dienen, und das Volk bezahle ihn dafür. Selbst wenn sein Gehaltsverzicht Zeugnis der typischen Trumpschen Großkotzigkeit ist, würde ich ja entgegnen, dass das im Grunde seine Sache ist. Vor allem aber sollte man sich langsam anhand dieser und anderer Artikel und Kommentare fragen, wer denn nun wirklich den Hass gesäht und die Gesellschaft gespalten hat, ob es Trump war, wie es ständig kolportiert wurde, oder seine Gegner, die jetzt scheinbar bereit sind, ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft zu riskieren, um nur nicht diesen Menschen im Weißen Haus zu sehen. Erstmals könnte es dazu kommen, dass ein amerikanischer Präsident bei Besuchen im Land von Pfeifkonzerten und Gegendemonstranten empfangen wird. Das gibt schon zu denken.

Aber es geht nicht nur um diesen Präsidenten. Es geht auch um einen Kulturwandel, wie mehrere Kommentatoren bereits bemerkten. Alle Gegendemonstranten, die jetzt verzweifelt darauf verweisen, dies sei nicht ihr Präsident, bewegt vor allem, dass es nicht ihre Kultur ist, die dieser vertritt. Sie alle gingen davon aus, dass sie die Meinungshoheit errungen hatten, in den Medien, im Netz, an den Universitäten, weil keine Stimme mehr zu vernehmen war, die dies hinterfragte. Die Wahl Trumps und auch das Erstarken populistischer Parteien in vielen Ländern rund um die Welt belegt, dass dies nicht der Fall ist. Es stellt sich nur die Frage, wie weit die Gegner dieser Entwicklung gehen wollen, um ihre Position zu behaupten.

Allen Deutschen, die jetzt in Berlin zusammen mit ihren amerikanischen Freunden vor der amerikanischen Botschaft stehen und „Not my President“ skandieren, sei gesagt, dass Trump tatsächlich nicht ihr Präsident ist. Der heißt immer noch Joachim Gauck und in Zukunft wohl Frank-Walter Steinmeier. Alle Amerikaner, die sich unter diesem Slogan versammeln, sollten daran denken, dass es ihr gutes Recht ist, sich nicht mit ihrem Präsidenten und ihrem Staat zu identifizieren. Sie sollten sich aber weiterhin daran erinnern, dass das ihre Privatmeinung ist, und dass es grob fahrlässig ist, aufgrund dieser Privatmeinung die Gesellschaft zu spalten und die demokratischen Spielregeln außer Kraft zu setzen. Und zu diesen Spielregeln gehört, dem neuen Amtsträger wenigstens 100 Tage lang die Gelegenheit zu geben, zu zeigen, ob er wirklich so furchtbar ist, wie man denkt.

Donald Trump