Gegen den Hass

Als ich noch politisch aktiv war und mir zu Wahlzeiten am Wahlstand der FDP die Beine in den Bauch stand, gab es einmal einen Aufruf über alle Parteien hinweg, man möge sich an einer nach den üblichen Wahlwerbungszeiten stattfindenden Demonstration gegen die Gründung eines NPD-Ortsverbands in meiner Heimatstadt beteiligen. Nun habe ich mir einerseits schon damals nach dem Sinn solcher Veranstaltungen gefragt – es wird keinen Nazi davon abhalten, sich mit anderen Nazis zusammenzuschließen, wenn seine Gegner eine Demonstration dagegen veranstalten – und andererseits kamen kurz vor der Demo die Unterstützer der damaligen SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti von den Jusos auf dem Weg zur Demonstration in fast schon als militärisch bezeichnender Formation bei unserem Wahlstand vorbeigetrabt und schrien „Nazis raus, Nazis raus“. Da wurde mir siedendheiß klar, dass das dieselben Typen waren, die schon des Öfteren auch in meiner Unistadt Göttingen Hass und Gewalt verbreitet hatten, wobei sie bei der Auswahl der Ziele nicht im Entferntesten wählerisch waren. Wenn Ihr die Quelle von Hass und Gewalt haben wollt, sie war immer da. Sie trug bloß einen anderen Namen.

Ja, auch ich habe Hass erlebt. Ich habe erlebt, wie es ist, als Verbindungsstudent in Coburg durch eine Reihe von geifernden Gestalten zu laufen, die „Studentenverbindungen auflösen“ wollten und dem Credo „Besser ein Geschwür am After als ein deutscher Landsmannschafter“ folgten. Ich wurde als Wahlwerber für die FDP von mehreren Kerlen umringt, die mich anbrüllten, ich solle doch meine neoliberale Kackscheiße woanders abziehen. Ich wurde auf dem Flur eines deutschen Amtsgerichts von ausländischen Mitbürgern, deren Prozess ich als Beobachter begleitete, aufgefordert, dahin zu gehen, wo ich hingehöre. All das ist Hass, und dieser Hass ist alles andere als rechts. Wenn ich im Radio höre, dass der Dresdner Oberbürgermeister sich als Volksverräter bezeichnen lassen musste, weil er Vertreter der muslimischen Gemeinde ins Rathaus eingeladen hatte, so ist das zutiefst traurig, aber vergleichbar.

Heute morgen wurde der ehemalige Bürgermeister von Tröglitz im Radio interviewt, der vor einiger Zeit von seinem Amt zurücktrat, weil er Hassbotschaften wegen seines Engagements gegen Rechts erhielt. Dieser bedauerte den wie jeden Montag geplanten Aufmarsch von Pegida in Dresden und forderte, alle Bürger, die sich gegen den Hass von Pegida aussprechen wollten, sollten auf die Straße gehen und friedlich dagegen demonstrieren. Sie sollten das Gespräch suchen und klar machen, dass der Hass keinen Platz auf den Straßen ihrer Stadt habe. Ich kann das nur unterstützen. Auch ich bin der Meinung, dass es dringend notwendig ist, das Gespräch zu suchen und den Dialog zwischen den gesellschaftlichen Gruppen anzukurbeln. Auch ich kann gut darauf verzichten, dass ein dumpfer Nationalismus gemischt mit allerlei Verschwörungstheorien und gewürzt durch Angst vor allem Fremden in unserer Gesellschaft Raum greift.

Ich kann allerdings auch gut darauf verzichten, dass ein dumpfer Linksradikalismus in unserer Gesellschaft Raum greift, der sich voller Hass gegen alles wendet, was ihm im Weg steht, der seine Gegner entmenschlicht, der sich unter der Maske des Kampfes gegen Rechts gegen den Staat wendet und alles als rechts definiert, das nicht so ist wie er. Ich kann auch gut auf Mitbürger verzichten, die sich voller Hass gegen alles wenden, das ihrer Religion widerspricht, die mit Gewalt auf Kritik an ihrer Religion reagieren und mit ihrem Hass unsere offene und pluralistische Gesellschaft aushöhlen. Ich kann gut darauf verzichten, dass eine breite Spanne von Meinungen, die einem linken Mainstream nicht entsprechen, inzwischen nur noch unter Polizeischutz äußerbar ist. Ich brauche das alles nicht.

Fest steht, dass der Hass zugenommen hat, und er kommt von allen Seiten. Er kommt nicht nur von rechts, wie es unsere Medien ständig vorspielen, sondern er kommt auch von links. Er kommt aus den Moscheen, und er kommt aus den Biomärkten, Wohnprojekten und Redaktionen. Wir erleben derzeit die Aufspaltung unserer Gesellschaft in Partikulargruppen mit fest stehenden und in Stein gemeißelten Weltbildern, die sich unversöhnlich und voller Hass gegenüber stehen. Die jeweils auf die andere Seite zeigen, wenn es darum geht, wo die Quelle des Hasse liegt. Die sich vollständig und grundsätzlich auf der richtigen Seite und im Besitz der Wahrheit wähnen und die andere Seite der Lüge bezichtigen, ohne sich selbst zu hinterfragen. Die davon ausgehen, dass nur sie alleine wissen, was das richtige Lebensmodell ist, und die alle Anderen, die diesem Lebensmodell nicht anhängen, der Verschwörung bezichtigen.

Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in dem es jedem freisteht, sein eigenes Lebensmodell zu wählen, sei es mit oder ohne Gott, sei es mit weiblichem, männlichem oder ohne Partner, sei es mit Verbrennungsmotor oder batteriebetrieben, sei es mit Fleisch oder vegan, sei es multikulti oder unter Gleichen. Lange, sehr lange war Deutschland ein Land, das genau diesem Credo folgte. Es steht zu befürchten, dass diese Zeit vorbei ist.

Darum – Ja, geht auf die Straße und ins Netz und kämpft gegen Rechts, aber mit Worten, und in einer Art und Weise, die auch dem Rechten wie jedem anderen Mitbürger seine Würde lässt. Tretet auch allen anderen Fanatikern entgegen, die glauben, die Wahrheit gepachtet zu haben und all denen, die diese Wahrheit nicht akzeptieren, mit Hass und Gewalt entgegentreten. Tretet allen entgegen, die Hass und Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung sehen und die glauben, es helfe gegen Rechts, wenn man Menschen niederbrüllt und ihre Autos anzündet. All dies ist kein Kampf gegen Rechts, sondern stellt die Eskalation eines Hasses dar, der immer da war.

Kampf gegen Rechts

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