Gewähren Sie Religionsfreiheit, Sire!

Von Zeit zu Zeit kommt man ja mal rum, so beispielsweise am letzten Donnerstag zum Zeit-Wirtschaftsforum, das zum Missfallen der anwesenden Touristen, die nicht reinkamen, im Michel im Hamburg stattfand. Die ganztägige Veranstaltung begann mit einer hochinteressanten Diskussion von Vertretern aller Parteien, außer der AfD, die von der Vertreterin der Grünen mehrfach wegen ihrer „unsäglichen Politik“ verdammt wurde, aber mangels Einladung keine Chance hatte, die Veranstaltung aufgrund dieser heftigen Anwürfe öffentlichkeitswirksam zu verlassen. Klar war nach der Diskussion, dass wir wieder eine große Koalition kriegen, denn die beiden Juniorpartner einer möglichen Jamaika-Koalition, die Grünen und die FDP, sind schlicht und einfach nicht kompatibel.

Das ist aber nicht das Thema. Nach weiteren eher langweiligen Tagesordnungspunkten, die eher unter Werbung einzuordnen waren, äußerte eine Gesprächspartnerin beim gemeinsamen Mittagessen in der Krypta des Michel, die darauf folgende Diskussionsrunde zur Rolle der Religion werde auch eher dröge werden. Selten hat sich jemand so geirrt. Das einzige Dröge in der Runde war die Moderatorin, die wieder einmal zeigte, das Zeit-Redakteure besser schreiben als reden können. Die versammelten Gäste glichen dies vollständig aus.

Emanuel Youkhana, Erzdiakon der Ostdiozese und damit oberster katholischer Christ im Irak, berichtete von der Situation im Irak nach der Befreiung von Mossul und gab seiner Freude Ausdruck, dass Tausende Christen, die aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, jetzt zurückkehren können. Er stellte allerdings die Frage, ob dies wirklich passieren wird, ob das Christentum, das Jahrhunderte lang ein Bestandteil eines multireligiösen Irak gewesen war, wieder dorthin zurückkehren werde. Er zeigte sich hinsichtlich dieser Frage einigermaßen skeptisch. Wenige Jahre der Herrschaft eine Terrorgruppe aus religiös verblendeten Wahnsinnigen haben wahrscheinlich gereicht, um Jahrhunderte des Zusammenlebens unter den Religionen zu beenden.

Dass sich dies nicht auf den Irak beschränkt, berichtete die zweite Gesprächspartnerin. Seyran Ates, Rechtsanwältin aus Berlin und Imamin einer jüngst gegründeten liberalen Moschee, berichtete, dass sie seit dem Putsch in der Türkei nicht mehr dorthin reisen kann, um ihre Mutter zu besuchen, weil sie in einer Fernsehsendung in Deutschland das harte Durchgreifen von Präsident Erdogan gegen Oppositionelle kritisiert habe. „Lange Zeit wurde ich angegriffen, weil mir eine falsche Auslegung des Islam vorgeworfen wurde, und jetzt soll ich auch noch der Gülen-Bewegung angehören. Ich kann von Glück sagen, dass ich mit Berlin eine zweite Heimat habe, in der ich leben kann, aber es tut trotzdem weh,“ sagte sie. Sie führte weiter aus, dass sie nach der Gründung der Moschee auch in Berlin, in der Männer und Frauen gemeinsam beten und Frauen die Gebete leiten können, unter Polizeischutz leben müsse, da sie in großer Anzahl Drohungen erhalten habe.

Das Bild der beiden Menschen, die im Grunde nur versuchen, ihre Religion nach ihren Vorstellungen zu leben, wurde durch den ehemaligen Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirchen in Deutschland, Wolfgang Huber, abgerundet, der klarstellte, dass eben dies im Grunde mit dem Begriff Religionsfreiheit zu umschreiben sei. Religionsfreiheit bedeute, seine Religion frei wählen zu können, auch frei wählen zu können, keiner Religion anzuhängen, und auch in der Ausgestaltung seiner Religion frei zu sein. Wer Religionsfreiheit für sich beanspruche, müsse auch bereit sein, Anderen Religionsfreiheit zu gewähren. Dies nicht klar zu benennen, sei Verharmlosung, und Verharmlosung sei Gegner jeder Religionsfreiheit.

Bei manchen Leuten, mit denen ich in den letzten Jahren über diese Thematik gesprochen habe, gehen jetzt bestimmt schon die Warnlampen an. Natürlich geht es um den Islam, und im Normalfall bekommt man bei Diskussionen, in denen man solche Thesen vertritt, der Einfachheit halber den Stempel „islamophop“ auf die Stirn gedrückt. Aber das ist natürlich Unsinn. Auch Menschen wie Seyran Ates vertreten den Islam, auch wenn mächtige Vertreter des Islam dies leugnen. Wie Ates ausführte, ist der Islam, der in ihrer Moschee gelebt wird, auch nicht ihre eigene Erfindung, sondern wird von liberalen Denkern des Islams weltweit vertreten und angestrebt. Wenn man diesen liberalen Moslems verwehrt, den Koran in ihrer Weise auszulegen, könnte man auch darüber nachdenken, welches Recht Martin Luther hatte, die Dogmen des Vatikans infrage zu stellen.

Andererseits sollten auch jene Menschen, denen bereits eine Zielscheibe vor Augen erscheint, wenn sie einen Halbmond sehen, einen Gang herunterschalten. Hier geht es nicht um Islamisierung, und es gibt tatsächlich nicht einen Islam. Der Islam ist nicht das engstirnige Konstrukt, was uns aus mehrheitlich islamischen Ländern und neuerdings auch der Türkei als alleinseligmachende Religion dargestellt wird. Die liberale Auslegung einer Seyran Ates ist genauso eine Auslegung des Islams wie das, was Vorbeter in Teheran verkünden. Der Islam kann auch anders, und wenn dies von den Heissdüsen aus Ankara, Riad oder Kairo negiert und als „Euro-Islam“ bezeichnet wird, ist es an uns, an den Europäern, denen Religionsfreiheit etwas bedeutet, ein klares Zeichen zu setzen und dem liberalen Islam den Rücken zu stärken im Kampf der Worte gegen ihre Hardcore-Widersacher. Die evangelischen Kirchen in Deutschland tun dies, beispielsweise indem sie der liberalen Moschee in Berlin-Kreuzberg in kircheneigenen Räumlichkeiten Asyl gewähren.

Die unausgesprochene Frage der Diskussion war, ob der Islam zu Deutschland gehört. Die Antwort ist, dass er zu Deutschland gehört und Religionsfreiheit für sich beanspruchen kann, wenn er anderen Religionen Religionsfreiheit zu gewähren bereit ist und bereit ist, die Gesetze Deutschlands im Zweifel dem Koran überzuordnen. Falls dies nicht der Fall ist, was bei den vielen Moscheegemeinden, die von Ankara aus gesteuert werden, anzunehmen ist, sollte die deutsche Gesellschaft und auch die deutsche Politik klare Kante zeigen und klarmachen, dass Hetze, und sei es im Gewande einer Religion, nicht zu Deutschland gehören kann. Verharmlosung hilft hier nicht weiter.

Islam

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