Globale Provinz

Wie war das früher? Man las Zeitung. Man sah am Abend fern. Die Zeit verstrich ohne Dauerbeschuss mit News und Meinungen. Eventuell bekam man den Kommentar zur Lage der Nation der Arbeitskollegen ab, auch mal eine hitzige Diskussion dazu, aber im Vergleich zu heute war der Zustrom an Kontent sehr viel sporadischer. Das hatte Vorteile.

Der wichtigste Vorteil war Dank des sperrigeren Zugangs zu News und Themen, dass eine Art natürlicher Bullshit-Filter wirkte, der einen davor bewahrte, sich permanent an etwas emotional hochzuschaukeln, dessen Relevanz und Halbwertszeit eh in den meisten Fällen minimal bis nichtig war. An etwas, das die Aufregung gar nicht lohnte. Das wird wohl ein wesentlicher Grund dafür gewesen sein, weshalb wir da einst doch entspannter lebten. Unbedeutendes kam nicht so nah an einen heran, man hatte die Chance es bei Zeiten zu blocken und dann blieb es lange genug weg, um sich nicht qua Penetranz durch die "Firewall“ zu fressen. Man kam ausreichend zur Ruhe zwischen den Aufregern.

Heute finden die meisten von uns gar nicht mehr aus dem Vortex des Grauens und der Ungemach heraus. Speziell Facebook, als populäre, da sehr bequeme Schnittstelle zum unkontrollierten gemeinen Wahnsinn, hält viele von uns im emotionalen Dauerstress. Der Zustand der Erregung klingt kaum mehr ab. Und was ob seiner eigentlichen Bedeutungslosigkeit von selbst verpufft, nicht ohne zuvor ausgiebig aufgeregt zu haben, wird sofort durch den nächsten bedeutungslosen Mist ersetzt.

Dinge, die völlig banal sind erhalten zu lange künstlich Gewicht und auf Dauer haben Banalitäten wohl Einfluss auf unser Denken und Handeln. Was nicht gut sein kann. In was transformiert uns das? In Aktivisten und Anwälte irrelevanter Hirngespinste? Verhelfen wir irgendwann solchen Hirngespinsten gar in die Existenz, bzw. geschieht das nicht längst? Ist der Erfolg der AfD vielleicht auch so eine Geistesblähung, die Dank des Kriegs auf sozialen Plattformen als feuchter Traum aus Kneipen-Hinterzimmern in die Realität auswanderte?

Dass sich die Irren heute so leicht finden und zusammenschließen können macht Sorge. Und sie inspirieren sich auch noch gegenseitig, wie vielfältig dabei, entdecken Möglichkeiten. Die Kraft der Zahl verleiht ihnen Flügel. Was sie sich alleine vielleicht noch nicht getraut hätten wird durch gegenseitige Bestärkung schon leichter. Die Restskrupel schmelzen im Feuer des regen, anonymen Austauschs dahin.

Das Destruktive liegt uns halt näher als das Konstruktive. Denn auch die netten Leute führt das Netz schließlich zusammen. Aber das Gute und Nützliche ist nicht so abenteuerlich und verwegen. Also nicht so sexy. Es ist das Medium der verletzten Seelen, die mit Leidenschaft an ihren geistigen Provinzdörfern bauen, Mauern hochziehen und sich, paradoxerweise, auf den internationalen Straßen des globalen Zusammenschlusses erfolgreicher als einst in ihre Provinzen zurückziehen und sich am Dauerfeuer der Banalitäten, Halbwahrheiten und Lügen wärmen.

Internet, Soziale Medien

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