Hass ist keine Meinung!

[Autoren: Raul Krauthausen / Suse Bauer]

Das Team von whicee wurde auf den Artikel über Hate Speech auf meiner Website www.raul.de aufmerksam. Mir gefällt der Ansatz von whicee, sich als Portal zu positionieren, das keine Hasskommentare zulässt und konsequent mit "Hatern" umgeht. Deswegen veröffentliche ich hier gerne noch einmal meine Meinung zu diesem Thema.

Vor einiger Zeit sprachen mich auch die Neuen Deutschen Medienmacher [1] bezüglich ihrer Kampagne zum “No Hate Speech Movement”[2] an. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine wirklichen Erfahrungen zum Thema Hassrede gemacht. Klar, den einen oder anderen rüpeligen Kommentar gab es unter meinen Videos. Aber bei mir hielt sich das alles doch sehr in Grenzen. Wie drastisch Hasskommentare sein können, wurde mir allerdings immer wieder bewusst, wenn ich über die Arbeit der großartigen Dunja Hayali [3] las und hörte – auch ihren Umgang mit Hass und Hassreden, den Anfeindungen, denen sie online und offline ausgesetzt war und ist. Ihre Beschreibung der Online-Hetze in ihrer Dankesrede zur Verleihung der Goldenen Kamera [4] Anfang des Jahres ist so trefflich formuliert wie erschreckend: „Ich setze immer noch auf den Dialog, mich interessieren andere Meinungen, andere Argumente. (…) Aber was da gerade abgeht, ist wirklich mit Verrohung von Sprache überhaupt nicht mehr zu beschreiben. Bedrohung, Beschimpfung, Beleidigung, Vergewaltigungswünsche.(…) Das macht keinen Spaß. Glaubt eigentlich irgendjemand, dass das irgendwas bringt, dieser ganze Hass?“.
Als ich dann im Mai diesen Jahres den Vortrag “Organisierte Liebe”[5] vom Kübra Gümü┼čay [6] hörte, wurde mir klar, dass das Wegblocken und Muten der Hater nicht ausreicht. Dass es eine gesellschaftliche Verpflichtung ist, sich diesem Thema zu widmen und aktiv zu werden.

Das Ausmaß an Hate Speech, dem Kübra ausgesetzt ist – und das auch auf meinen Kanälen nach der Ausstrahlung des Interviews stattfand – ließ mich zum ersten Mal erfühlen mit welcher Härte und in blindem Wahn Hater zuschlagen. Und wie kurzfristig gedacht die weit verbreitete Meinung “Hass im Netz? Klicke ich einfach weg.” ist. Wie arrogant und egoistisch. Aus den Augen – aus dem Sinn. Es gibt Menschen, die können nicht einfach wegklicken – und blockieren. Spätestens seitdem Hate Speech in realen Hass und brutale Übergriffe mündete.

Seit kurzem bin ich – wie viele andere bekannte Twitterer*innen – selbst das Ziel von Hasskommentaren. Manche Hater haben sich sogar extra Fake-Accounts mit meinem Namen und Fotos von mir angelegt. Einige meiner Tweets und Fotos haben mittlerweile Meme-Charakter. Anfangs habe ich diese Kommentare tatsächlich noch gelesen – und ein mulmiges Gefühl bekommen. Egal wie abgeklärt ein Mensch sein mag, wie klar ist, dass derartige Hass-Kommentare nichts mit mir als Person zu tun haben – sondern vielmehr mit dem Hater und seinen speziellen sozialen Problemen: Diese Worte bewirken etwas. Wenigstens im ersten Moment. Neuronen werden abgeschossen und nach der Hebbschen Lernregel [7] gibt es eben Verkettungen in jedem Gehirn, die Bedrohungen und Beleidigungen, seien es auch anonyme und rein virtuelle, mit Gefahr und Angst als Reaktion verknüpfen. Danach überwiegt – jedenfalls bei mir – die Neugier. Und über manches Meme, manches Comic, das mühevoll und pointiert gezeichnet wurde, musste ich ehrlich grinsen. Aber weil ich mich ungerne mit Negativem oder Inhaltslos-Destruktivem aufhalte und in meinem Kopf zu viele Ideen bezüglich neuer Projekte, Kooperationen usw. umherschwirren, habe ich die betreffenden User geblockt und mich wieder auf echte Problemlösungen in aktuellen Vorhaben konzentriert. Zugegebenermaßen eben doch nach dem Motto: “Aus den Augen, aus dem Sinn.”

Das Internet wurde von Vielen zunächst als Ort der freien Meinungsäußerung gefeiert. Die Euphorie der Anfangszeit des Web, in der man hoffte, ab jetzt maximal vorurteilsfrei diskutieren zu können, war schnell abgeflaut. Voller Ernüchterung wurde klar: Wer offline ein Arschloch ist – bleibt es online ebenfalls. Umso mehr, wenn er*sie sich hinter der Anonymität des Internet verstecken kann. Die rein technische Reaktion durch Sicherheitsmechanismen konnte das Problem natürlich nie an der Wurzel packen. Und trotzdem muss der „Kampf gegen Hassrede (…) geführt werden, und dabei können und müssen (…) das Strafrecht, die Durchsetzung von Regeln durch die Netzwerkbetreiber und die Gegenrede zum Einsatz kommen.“ [8]

Wenn man die sozialen Medien betrachtet und sieht, dass Online-Redaktionen ihre Kommentarmöglichkeiten schließen, wenn man u.a. der Social-Media-Koordinatorin (tageschau.de) Anna-Mareike Krause zuhört [9] und erfährt, dass ein Drittel der online gepostete Kommentare aus Hate Speech bestehen, mag man den Eindruck gewinnen: Die Hasser sind in der Überzahl. Aber: Das sind sie nicht.[10] Sie sind nur lauter und aktiver, denn sie wollen ja Reaktionen provozieren. Und Hasskommentare produzieren erstaunlich viele “Likes”. Auf Facebook beispielsweise sorgen die verwendeten Algorithmen dafür, dass man sich schnell in einer Interessen-Wohlfühl-Bubble [11] befindet: Wer bei einem Post besonders aktiv war und fleißig kommentierte, bekommt Veröffentlichungen mit ähnlichen Inhalten angezeigt. So entsteht schnell eine ungute Eigendynamik, die den Personen, die sich in durch Facebook erzeugten Interessen-Gruppen bewegen, den Eindruck suggeriert, es gäbe viele User, die ihre Meinung teilen.

Die Reaktion, die möglicherweise zunächst am naheliegendsten ist: Wütend zurückschimpfen.
Allerdings ist das wenig konstruktiv und schnell entsteht eine Hass-Spirale, aus der es kaum noch ein Entkommen gibt, Kommentatoren*innen sich gegenseitig beeinflussen und echte Argumente einfach nicht mehr fruchten. Man nennt das den “Nasty-Effect”. An der University of Wisconsin gab es dazu eine spannende Studie [12], die erforschte, wie polemische, negative Kommentare die Sichtweise auf eigentlich neutrale News verändern. Und wie schnell die Sachebene verlassen wird. Also: Wut ist verständlich – aber keine konstruktive Reaktion.

Meine Meinung zum richtigen Umgang mit Hatern: Ignorieren und weitermachen wie bisher. Und an konstruktiven Projekten arbeiten, positiven Hobbies nachgehen, Menschen treffen (online oder viel besser noch: offline), die einem gut tun.

Langfristig sollten wir jedoch alle aktiv werden. Ingrid Brodnig schreibt sehr treffend in ihrem Buch “Hass im Netz: Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können”[13] (das ich unbedingt empfehle!), dass unsere Social Networks und das Internet, wie es momentan aussieht, nicht in Stein gemeißelt sind. Dass die Funktionsweisen von Internetseiten keinem Naturgesetz folgen, sondern von Menschen gemacht sind. Die logische Schlussfolgerung ist: Wir müssen unsere sozialen Netzwerke formen, das Wort ergreifen und einen konstruktiven, wertschätzenden Umgang miteinander pflegen – auch und gerade in der Anonymität des Internets.

Hate Speech, #nohatespeech, Hassrede, Kommentarkultur im Netz

https://youtu.be/6WsDh0H0tvQ

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