Hasskommentargeneratoren

Aras Bacho ist wahrscheinlich nur ein Kunstprojekt. So genau will ich das nicht wissen, aber so bescheuerte und selbstgerechte Gedankengänge wie diese Figur auf Huffington Post – In der Zusammenfassung „Wir Flüchtlinge haben ein Anrecht auf alles, was wir wollen, also bedient uns und beschwert Euch nicht, Ihr Nazis“ – kann ein normaler Mensch eigentlich nicht entwickeln. Aras Bacho ist ein Hasskommentargenerator. Seine Sprüche zielen darauf ab, jeden Menschen, der nicht bereits beim Aufwachen ein freudiges „Refugees Welcome“ ausstößt, zur Weißglut zu bringen. Sie zielen darauf ab, selbst gut versteckte fremdenfeindliche Tendenzen zum Vorschein zu bringen. Aras Bacho könnte ein Vehikel der Rechten sein, was bei Huffington Post aber eher unwahrscheinlich ist, oder er könnte den Zweck verfolgen, die Hassdebatte am Laufen zu halten und immer wieder neu die alte Grundthese der Antifa zu belegen, dass der Faschismus aus der Mitte der Gesellschaft entspringt.

Claudia Roth gibt es wirklich. Ich habe sie letzte Woche beim Gedenkgottesdienst für Peter Hintze aus nächster Nähe gesehen. Ihre Sprüche a la „Deutschland verschwindet immer mehr, und ich freue mich darauf“ sind nicht darauf angelegt, Hasskommentare zu produzieren. Sie sind ernst gemeint und richten sich nicht in erster Linie an ein rechtes Publikum, das provoziert werden soll. Genauso ist es mit dem alten Antifa-Slogan „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“, der auf einem Plakat abgebildet war, mit dem unter anderem auch Claudia Roth vor Jahren demonstrieren ging. Das sind keine Kommentare, sondern ehrlich gemeinte Ausdrücke von Lebensgefühl. Vielleicht sollte sich auch Frau Roth einmal fragen, ob es vielleicht Menschen gibt, die sie mit solchen Äußerungen in ihren Gefühlen verletzt, und man mag erschreckt sein angesichts solcher Grundhaltungen, vertreten durch eine Vizepräsidentin des deutschen Bundestages, aber im Grunde sind sie legitim und durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Und das ist gut so.

Ebenso von der Meinungsfreiheit gedeckt sind rein provokant gemeinte Äußerungen wie „Für jedes Kind, das Ihr kriegt, treiben wir eins ab“ von Gegendemonstranten beim Marsch für das Leben, „Lieber ein Geschwür am After als ein Deutscher Burschenschafter“ von Demonstranten gegen den Coburger Convent (!), „Nazis raus“ durch Antifa-Demonstranten oder „Kindermörder Israel“ von palästinensischen Demonstranten allenthalben. Gleichwohl sollte man sich klar sein, was das Ziel solcher Kommentare ist, nämlich zu provizieren, den Graben zwischen den Äußernden und den durch die Äußerungen Angegriffenen zu verbreitern und Hass zu säen. Gerade das Letzte mag jetzt verwirren, denn es sind doch gerade jene, die sich dieses Mittels der gezielten Provokation bedienen, die sich hinterher über Hasskommentare von Rechts beschweren. Vielleicht sollten Sie sich überlegen, ob sie den Hass, der sich in diesen Kommentaren äußert, nicht selbst erzeugt haben.

Inzwischen gibt es ja eine ganze Reihe von Protagonisten, die berichten, sie erhielten ständig Hasskommentare im Netz, und es sei traurig, dass es so etwas noch gäbe. Hasnain Kazim beispielsweise, den ich als Mensch auch aufgrund seines klaren Standpunkts hinsichtlich der Menschenrechtsfrage in der Türkei schätze, hat mit weiteren Autoren eine Veranstaltungsreihe aufgezogen, in deren Rahmen die Auftretenden Hass-Mails, die an sie gerichtet waren, vorlesen. Hasnain Kazim hat mich vor mehr als einem Jahr aus seiner Freundesliste bei Facebook geworfen, nachdem ich ihm als Reaktion auf einen Post seinerseits, in dem er vorschlug, AfD-Sympathisanten auf einer versinkenden Insel in der Nordsee anzusiedeln, menschenfeindliche Argumentation vorwarf. Da ich die Veranstaltungen unter dem Titel „Hate Poetry“ nicht besuche, kann ich nicht sagen, ob er meinen Vorwurf unter Hasskommentar abgebucht hat. Es würde allerdings eine gewisse Dünnhäutigkeit belegen, die vielen Menschen, die sich im Kampf gegen Rechts engagieren, zu eigen ist, vergleichbar mit einem Fußballspieler, der einen Gegenspieler ständig durch kleine Nickligkeiten reizt, aber schreiend selbst einen bühnenreifen Aufschlag hinlegt, falls der Gegenspieler auch nur ansatzweise zur Revanche schreitet.

Aber das ist ja grundsätzlich ein Charakteristikum des gegenwärtigen Diskurses um Hasskommentare. Wenn es nach Kommentatoren wie Jakob Augstein geht, kommt der Hass nur von Rechts. Links findet einfach nicht statt, der Salafismus findet wenn, dann nur in Form von Terrorwerbung für Syrien statt, und Flüchtlinge sind alles Waisenknaben. Die Einzigen, die Hass schüren, sind Rechte. Bereits an dieser Argumentation könnte man sich reiben. Aber vor allem sollte klar sein, dass auch jede Äußerung, die als gezielte Provokation oder auch einfach als Äußerung eines linken oder multikulturellen Lebensgefühls gedacht ist und damit Gefühle der bekannten Gegenseite verletzt, den Hass schürt. Nicht nur jene, die Hasskommentare schreiben, sind für den Hass verantwortlich, sondern auch jene, die diese Hasskommentare bewusst oder unbewusst generieren. Wer in der politischen Diskussion in den Ring steigt, sollte darauf vorbereitet sein, ein Echo einzustecken, und das speziell, wenn er Schläge unter der Gürtellinie austeilt. Es ist falsch, sich weinend als Opfer darzustellen, wenn man vorher bereitwillig ausgeteilt hat.

Aber vielleicht sollte man grundsätzlich damit aufhören, Menschen – auch Rechte – als Gegenseite zu begreifen und argumentativ auf sie einzuschlagen. Vielleicht sollte man aufhören, eine Debatte um Hasskommentare zu führen, die wieder einmal nur darauf hinausläuft, die Lufthoheit in den Medien und im Netz zu gewinnen, ohne sich ersthaft mit der Wurzel des Problems zu befassen. Vielleicht sollte man damit beginnen, einen Diskurs zu führen, der alle relevanten Akteure einschließt, anstatt direkt bei Beginn gleich alle Akteure, die einem nicht in den Kram passen, auszuschließen, was man dann pauschal unter „Rechten keine Stimme geben“ subsumiert. So sehr eine solche Eingrenzung des Teilnehmerkreises für ein genehmes Ergebnis des Diskurses sorgt, so sehr sollte klar sein, dass ein solches Vorgehen nicht zielführend ist, wenn es um ein friedliches und harmonisches Zusammenleben aller Menschen in Deutschland gehen soll.

Hate Speech

http://www.huffingtonpost.de/aras-bacho/