Helmut Kohl, ein Nachruf

Ich werde dann wohl heute nach der Arbeit zum Kanzleramt fahren, um mich in das Kondolenzbuch für den verstorbenen ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl einzutragen. Man kann von dem Mann halten, was man will, man kann auch politisch nicht mit seinem Wirken übereinstimmen, aber man muss zugeben, dass der Mann deutlich mehr als ein Jahrzehnt in Deutschland und darüber hinaus geprägt hat.

Ich gehöre noch zu der Generation, die mit einem Bundeskanzler Helmut Schmidt aufwuchs. Willy Brandt war schon vor der Zeit, als mir bewusst wurde, dass es Politik gibt, abgetreten. Nach Helmut Schmidt folgte Helmut Kohl, und der Heranwachsende stellte sich die Frage, ob der Vorname Helmut zum Stellenprofil eines Bundeskanzlers gehört. Jüngere Deutsche stellten sich irgendwann die Frage, ob es noch andere Bundeskanzler außer Helmut Kohl gab.

Ich muss zugeben, dass sein Amtsantritt damals für mich als Dreizehnjährigen eher ein Anlass zur Trauer war. Das war aber eher Trauer um seinen Vorgänger, um den kantigen Hamburger, der im Amt vorgelebt hatte, dass so eine steife Brise keinen Norddeutschen umwirft, und jetzt durch die wuchtige Gewalt eines Rheinpfälzers zerlegt worden war. Natürlich gab es noch ganz andere Schuldige, seine eigene Partei, die ihn im Regen stehen ließ, und sein Koalitionspartner, der schnöde die Seiten wechselte, aber im Spiegel der Öffentlichkeit blieb der Nachfolger.

Auch hier zeigte sich bereits, dass die deutsche Öffentlichkeit Meinungsunterschiede innerhalb der Parteien nicht goutiert und dem Politiker folgt, der in der Lage ist, Probleme im kleinen Kreis zu klären oder, wie es zu Kohls Spezialität werden sollte, sie auszusitzen. Es folgte so auch ein Zeitalter der Rückbesinnung auf die bürgerlichen, wenn auch nicht konservativen, Werte der Bundesrepublik. Im Grunde seines Herzens war Helmut Kohl ein bürgerlicher Pragmatiker, der es, seiner Nachfolgerin Angela Merkel nicht unähnlich, vorzog, unaufgeregt zu regieren und im Zweifel auch einmal nichts zu tun.

Seine größte Stunde hatte der Bundeskanzler Helmut Kohl zweifelsohne mit der deutschen Einheit. Es steht infrage, ob ein anderer Politiker auch aus seiner Partei in der Lage gewesen wäre, die Gelegenheit, die sich hier bot, in dieser Kompromisslosigkeit zu nutzen. Hier zeigte sich, was Helmut Kohl auszeichnete. In der Situation des Zusammenbruchs des Staatswesens der DDR war allerdings schnelles Handeln angebracht, und Helmut Kohl folgte diesem Ruf mit der Gewalt eines Elefanten. Selbst wenn man zugeben muss, dass dabei auch Porzellan auf der Strecke blieb, und selbst wenn man die Kosten des Prozesses hochrechnet, sollte klar sein, dass die blühenden Landschaften, die er damals versprach, heute erreicht sind. Wer Anderes behauptet, dem seien Fotografien aus den damaligen zerbröckelnden Städten der DDR empfohlen.

Nach dem Ende seiner Regierungszeit, deren zweite einschneidende Reform, die Einführung des Euro, ebenso wie den Umzug der Hauptstadt nach Berlin sein Nachfolger Gerhard Schröder vollziehen durfte, wurde das Denkmal Helmut Kohl ziemlich schnell gestürzt, und der große Staatsmann musste erleben, was sein langjähriger Mitstreiter Norbert Blüm einmal bei einer Podiumsdiskussion als Grundcharakteristikum des politischen Betriebs ausgemacht hatte: „Wenn die Luft eisenhaltig wird, heißt es, geh voran, wir stehen hinter Dir. In Wahrheit stehst Du alleine da“. Im Zuge der Spendenaffaire um die CDU wurde Kohl fachgerecht zerlegt und ins Privatleben befördert. Im Gegensatz zu Wolfgang Schäuble hat er sich nie wieder davon erholt.

Die deutschen Meinungsbildner verfolgten diesen Prozess mit kaum verhohlener Häme. Für die Meinungsbildner in Deutschland war Kohl aber immer schon ein Feindbild, was aber im Grunde auch kein Wunder ist, wenn man sich die politischen Sympathien innerhalb der deutschen Presse anschaut. Die deutschen Medienschaffenden hatten nach dem Rücktritt ihres Idols Willy Brandt schon mit seinem Nachfolger Helmut Schmidt gefremdelt, aber wenigstens war dieser noch in der SPD. Als dann allerdings dieser Mensch gewordene Elefant aus der pfälzischen Provinz daherkam und den Platz einnahm, der rechtmäßig dem linken Messias zustand, kannte der Hohn und auch der bittere Spott keine Grenzen mehr, und noch heute, noch aus Anlass seines Todes bringt die taz ein Titelbild, das an die Parole „klammheimliche Freude“ des Göttinger Mescalero erinnert.

Es ist nicht überliefert, ob Helmut Kohl jemals die Karikaturen, die über „Birne“ angefertigt wurden, und die Witze, die sich mit seiner angeblich mangelhaften Beherrschung des Englischen befassten, zur Kenntnis genommen hat. All dies belegte allerdings nur die bereits seit den Siebzigern bestehende Spaltung zwischen einer linken Intelligenz und einer bürgerlichen Masse, die sich mit einem Ruhe ausstrahlenden Schwergewicht wie Helmut Kohl durchaus anfreunden konnte, die sich mit ihm absolut identifizieren konnte, selbst wenn dies die Schreiber in den Redaktionsstuben zum Wahnsinn trieb. Helmut Kohl entsprach nicht dem Bild des neuen Menschen, wie ihn sich die Linke erträumt hatte. Für die Friedensbewegten und Ostermarschierer wirkte er wie die Rückkehr einer Vaterfigur, die man bereits erfolgreich besiegt geglaubt hatte. Der Witz war, dass die bürgerliche Masse der Bevölkerung sich nach einer solchen Vaterfigur sehnte.

Im Grunde war dies das Geheimnis des Helmut Kohl. Er war manchmal tapsig, manchmal sogar peinlich, aber immer verlässlich und ein Fels in der Brandung. Er war wie eine Mensch gewordene Kehrwoche. Wo Helmut Kohl stand, hatte kein subversives Pflänzchen eine Chance auf Wachstum. In seiner Art zu regieren, zu kommunizieren und mit Problemen umzugehen, in seiner Liebe zu Saumagen und Pfälzer Wein, in seinem jährlichen Urlaubsaufenthalt am Wolfgangsee, in seinem Ruhen-in sich selbst, in seiner massiven Betulichkeit, die einer heftigen Durchsetzungskraft wich, wenn es denn ernst wurde, war er vor allem eines, was die Linke grundsätzlich ablehnte. Er war durch und durch deutsch.

Helmut Kohl

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