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Ausgerechnet Arthur C. Clarke hat das erste Wort. Der visionäre Autor von »2001«, der einst den Untergang der Menschheit durch kybernetische Intelligenz prophezeite, sagt mal eben in einigen Sätzen das Internet voraus – und das zu einer Zeit, als ein singuläres Rechnersystem noch ganze Lagerhallen füllte. Zehn Jahre später wird der Grundstein dafür gelegt, dass seine Prophezeiung heute alltägliche Realität ist.
Die Geburtsstunde des Macintosh beziehungsweise die Minuten vor seiner Geburt bilden die Eröffnung einer faszinierenden Umsetzung des Wälzers »Steve Jobs«, der Biografie des Apple- Gründers von Walter Isaacson. Es ist der 24. Januar 1984. Kurz bevor Steve Jobs (Michael Fassbender) auf der legendären Konferenz den Mac vorstellen wird. Vom Perfektionismus getrieben, tyrannisiert der Showman seine Umwelt. Alles muss passen: vom Licht über die Notausgänge bis hin zum elektronischen »Hello« des Mac.
Der Egomane wirft mit Beleidigungen und Morddrohungen um sich. Währenddessen sitzt seine Ex Chrisann Brennan (Katherine Waterston) in der Lobby, gemeinsam mit der kleinen Lisa, Jobs’ Tochter. Oder zumindest behauptet sie, es sei seine Tochter, was Jobs vehement abstreitet. Immerhin lässt eine 94-prozentige Chance immer noch Raum für Spekulation und Diffamierung. Steve Wozniak (Seth Rogen) versucht seinem »Bruder« Jobs eine einfache Würdigung des Apple-II-Teams abzuringen, das den millionenschweren Konzern groß gemacht hat – und beißt auf Granit. Unbarmherzig bahnt sich der Maestro den Weg zur Bühne. Nur sein Boss und Mentor, CEO John Sculley (Jeff Bridges), bringt ihn zur Ruhe. Licht aus, Spots an und Fade-out.
Das Drehbuch von Aaron Sorkin (»The Social Network«) wirft Schlaglichter auf zwei weitere signifikante Wendepunkte im Leben von Steve Jobs, darunter natürlich die Rückkehr zu Apple und Vorstellung des iMac 1998. Auch hier zählt der Blick hinter die Kulissen. Die allseits bekannten Reden kann man sich anderswo anschauen. Es wirkt zunächst, als wäre Danny Boyles Rekonstruktion nur ein Teaser für die wahrhaft großen Karriereschritte des kontroversen Kopfes.
Aber man merkt schnell, dass sich in den Minuten vor der Präsentation die eigentlich spannenden Momente abspielen, wenn die Nervosität greifbar ist und die rohen Gefühle walten. Filmisch wirkt »Steve Jobs« daher ähnlich atemlos wie »Birdman«. Geradezu, als wären wir Backstage bei einer großen Theaterinszenierung. Sorkin liefert messerscharfe Dialoge, Boyle schneidet sie oftmals parallel zueinander. Wenn sich Erinnerungen wie die erste Begegnung und der Abschied zwischen Jobs und Sculley ineinander verschränken, kann einem schwindelig werden.
Obwohl Sorkin sich also auf bestimmte Momente in Jobs’ Leben konzentriert und Fassbender anfangs so gar nicht wie der jungenhafte Turnschuhträger wirkt, ist »Steve Jobs« ein eindringliches, facettenreiches Psychogramm des selbst ernannten Messias geworden. Der Film vermittelt einen tieferen Einblick in seine Seele, als es der vor einigen Jahren erschienene »Jobs« mit Ashton Kutcher vermochte, der die Geschichte seines Aufstiegs Stück für Stück durchdeklinierte.

Steve Jobs

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