Im Bordell der Träume

Kraft durch Kino. Ist das ein abgewandelter Nazi-Spruch? Huch, stimmt. Hätte auch "Kino macht frei" schreiben können. Das hätte ich aber so auch nicht stehen lassen. Beides ist jedoch wahr. Und es gab einmal eine Zeit in meinem Leben, da ist es umso wahrer gewesen.

Jenseits des Mainstreams ließ sich noch Vieles entdecken. Das echte Leben abseits der Leinwand empfand ich oftmals als schwierig. Als sozial eher sperriger Zeitgenosse tat ich mich in der Realität nicht sonderlich leicht. Einer Leidenschaft geht wohl häufig ein Schaden voraus. Dann braucht man etwas, das einen rettet, das die vorhandene Leidenschaft, die nicht über gewohnte Kanäle ihre Abfuhr erhält, anderweitig loswerden hilft. Kino.

Kino, das ist die aufblasbare Gummipuppe für den Träumer, den das Leben nicht ausreichend flachlegt. In jungen Jahren erwartet man da einfach viel. Bekommt man es nicht, geht man ins Bordell der Träume. Dank Kino ist Leben dort käuflich, zwei Stunden für ein paar Mäuse. Natürlich ist es nicht das wirkliche Leben. Es wird nur so getan. Im Freudenhaus wird ja auch nur so getan. Als sei es Liebe. Beziehungsweise Sex.

In meiner Ausbildungszeit gehörte es für mich zum festen Ritual Sonntag Abends noch das Kinoprogramm durchzugehen, auf der Suche nach den zwei Stunden Glück und Freiheit, die mich davon ein letztes Mal ablenkten, dass bald das Dasein als Azubi wieder begann. Ins Kino ging ich eh schon viel, aber gerade das Angebot der letzten Augenblicke des Sonntags war nochmal besonders anziehend. Medizin. Die notwendige Happy-Pille, bevor ich mich einmal mehr nervös und frustriert durch die Woche quälen musste. Ein Projektorlicht am Anfang des Tunnels.

Drei Kinos gab und gibt es in meiner Stadt. Zwei davon hatten Sonntags nach  21 Uhr nichtsmehr zu bieten. Doch das "Kronprinz-Kinocenter", später "Babylon Kino", zeigte dann noch Filme im Spätprogramm. Ein kleines Programmkino mit angeschlossener, verrauchter Kneipe. Heute ist das ein gepflegtes Café mit ganz gutem Futter. Dank dieser Einrichtung kam ich gezwungenermaßen mit Filmen in Berührung, die die größeren Filmtempel in der Regel links liegen ließen. Dort sah ich den ersten Jarmusch, Kaurismäki, Film Noir auf großer Leinwand und andere Klassiker in eindrucksvollem Schwarzweiß. Unzählige Inependent-Filme aus allen möglichen Ländern, darunter Psychokthriller, Liebesdramen, Komödien und viele mir noch unbekannte Gesichter, die erst noch Fame erlangen sollten, begeneten mir zum ersten Mal. So zum Beispiel Johnny Depp in "Benny & June" oder Brad Pitt in "Kalifornia". Nicht unbedingt immer die besten Filme der Welt, aber als dankbarer, verzweifelter Abnehmer freute man sich doch meistens über die Katze im Sack. "Reservoir Dogs", mein erster Tarantino. Völlig geplättet und fertig taumelte ich aus dem Saal. Auch das konnte also Kino sein! Buster Keaton, Laurel & Hardy, Chabrol und Truffaut, Buñuel und Cocteau, Murnau, Lang und Hitchcock, Tex Avery und John Woo. Vereinzelt schon vertraut aus dem Spätprogramm des TVs. Aber es war nochmal etwas ganz anderes, diese Filme ohne Ablenkung und artgerecht im Großformat zu sehen, mit Publikum, wie sich das gehört. Und wie sie es verdienen.

Ich bin wirklich viel im Kino gewesen, hab praktisch keine Retrospektive ausgelassen und lernte schnell sämtliche kleinen Lichtspielhäuser auch meiner Nachbarstadt Nürnberg kennen. Als Jugendlicher dachte ich immer da liefen nur Scheißfilme oder Pornos. Aber es war das richtige Kino mit einem Rucksack voll Filmgeschichte. Wieviele Filme ich wohl bereits vergessen habe, die ich dort sah?

Heute gehe ich nur noch ab und zu ins Kino. Und die Zeit, in der ich ein Tape oder eine DVD nach der anderen in Abspielgeräte stopfte ist schon eine Weile her. Entweder geht es mir nichtmehr schlecht genug, oder mir fehlt einfach die Zeit, respektive die Kraft. Mein Filmwissen von einst verblasst. Viele Lieblingskinder heutiger Filmfreaks kenne ich gar nicht mehr. Manchmal sitze ich so dabei und höre fasziniert zu. Was die sich alles reinziehen, bewundernswert. Gut, sind auch noch gute zwanzig Jahre jünger und zudem ausgeruhter als ich. Etwa genau in dem Alter wie ich damals. Die Verfügbarkeit des Stoffs ist heute zudem eine andere. Früher musste man Glück haben oder viel Geld und Recherche investieren, ein paar der Perlen zu heben.

Ich sitze also daneben und lausche neiderfüllt dem Fachgesimpel taufrischer 35mm-Freaks. Gleichzeitig hoffe ich, dass sie mich nichts fragen. Ich würde wohl häufig nur noch die Schultern zücken, "weiß nicht" sagen und mich schämen. Dabei war ich einmal einer von ihnen. Und ich war es sogar zunächst ganz alleine. Worin auch eine Antwort liegt, warum ich das wohl war. Ein Zelluloid-Junkie. Ein einsamer Freier im Leinwandpuff mit Abo. Es sollte wieder so sein. Wenigstens ein bisschen.

Kino, Filme, Programmkino

https://youtu.be/8oTdPklBE0Y

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