Insurrektionalismus

Wochenende ex. Die Hamburger in den betroffenen Stadtteilen räumen ihre Straßen auf, die Ladenbetreiber kehren die Fensterscheiben zusammen, und die ehemaligen Besitzer der abgefackelten Autos schreiben an ihre Versicherungen in der Hoffnung, dass diese zahlt. Ich hoffe, dass es meinen Hamburger Freunden gut geht. Die deutsche Presse ergeht sich indes schon in Erklärungsversuchen für das Unerklärbare, das am Wochenende über mehrere Stadtteile der Millionenstadt hereingebrochen ist.

Direkt ausnehmen aus diesen Erklärungsversuchen möchte ich für mich selbst die Polizei, die im Grunde nur ihrer Aufgabe nachging, den Gipfel und die Herrschaft von Recht und Gesetz auf den Straßen Hamburgs zu sichern. Alle Anwürfe aus dem linken Spektrum der Politik, die Polizei habe mit ihrer Handlungsweise die Eskalation der Lage zu verantworten, werden durch die Argumentation auf der Internetseite der Demonstration „Welcome to Hell“ widerlegt. Die Organisatoren wollten die Eskalation der Lage - ob in der Weise, wie sie passiert ist, sei dahingestellt – und sie haben sie bekommen. Wie es Jakob Augstein, der damit natürlich überhaupt nichts zu tun hatte, ausdrückte, kein Preis war zu hoch, um ein Wiederkehren ähnlicher Treffen von Staatsmännern zu verhinden.

Musste der G20-Gipfel denn unbedingt in Hamburg stattfinden? Ja, warum denn nicht? Nur weil es in Hamburg eine Szene gibt, die sich durch gewalttätige Proteste auszeichnet, heißt das doch nicht, dass der Staat sich von dieser Tatsache sein Handeln diktieren lassen sollte. Abgesehen davon ist bereits ausreichend dokumentiert worden, dass nur wenige deutsche Städte über eine ausreichende Unterbringungskapazität verfügen, um einen Gipfel mit einer solchen Teilnehmerzahl zu beherbergen. Es ist also davon auszugehen, dass der nächste G20-Gipfel, der in Deutschland stattfinden wird, ebenfalls in einer deutschen Großstadt stattfinden wird. Es wird sich zeigen, ob die deutsche Politik bis dahin die geeigneten Lehren aus den Ereignissen von Hamburg gezogen haben wird.

Es besteht natürlich die Möglichkeit, in Zukunft keine solcher Gipfel mehr abzuhalten, wie es ja auch mehrfach gefordert wird. Der Aufwand für das Treffen der Staatsmänner sei zu groß, vor allem im Vergleich zum Ertrag. Es sei ebenfalls eine Schande gewesen, dass Kotzbrochen wie Trump oder Erdogan am Treffen teilgenommen hätten, und es sei sinnlos gewesen, über den Kampf gegen den Terrorismus zu reden, wenn Financiers wie Saudi-Arabien mit am Verhandlungstisch gesessen hätten. Nur, wo sollte man über solche Themen reden als in solchen Runden, wo die wirklichen Entscheider an einem Tisch sitzen? Die G20 stellt eine hervorragende Möglichkeit dar, das Feld derjenigen Länder, die zu einer gemeinsamen Weltpolitik beitragen können, deutlich auszuweiten. Die Alternative stellen die bekannten G7-Gipfel dar. Immer dieselben Kerle sitzen in derselben Runde zusammen und teilen die Welt unter sich auf. Das kann keiner wollen.

Aber das ist nicht die Frage. Man kann gegen die Abhaltung des Gipfels an sich sein, und man kann auch von den Teilnehmern des Gipfels in friedlichen, aber machtvollen Demonstrationen eine Umkehr in der Weltpolitik fordern. Interessengruppen weltweit können die Zusammenballung von Regierungschefs aus allen Ecken der Welt nutzen, um in persönlichen Gesprächen für ihre Anliegen zu werden, und das ist mit Sicherheit auch am Rande des Gipfels in Hamburg passiert. Nur wurde nicht darüber berichtet, weil eine kleine Splittergruppe selbst erklärter Revoluzzer die Veranstaltung nutzte, um Gleichgesinnte aus der ganzen Welt zusammenzurufen und die Veranstaltung als Geisel zu nehmen.

Im Grunde kann man das Ganze mit Krawallen am Rande von Fußballspielen vergleichen. Hooligans interessiert das, worum es geht, ja auch nur am Rande. Wenn die Vereinsoberen sie dazu aufrufen, keine Pyrotechnik mit in die Stadien zu bringen, interessiert sie das einen feuchten Kehrricht, und wenn dann die Polizei aufmarschiert, ist im Grunde das Ziel erreicht. Auch die Gewalttäter vom Wochenende waren weniger am G20-Gipfel interessiert, und auch nicht an den Protesten dagegen. Ihr Ziel war der Anlass und die mediale Aufmerksamkeit, die damit verbunden war. Wenn die Weltpresse auf den Gipfel schaut, entstehen deutlich mehr und intensivere Fernsehbilder und Live-Berichte von Straßenschlachten im Umfeld, als wenn man sich zuhause in Göttingen, Marseille oder Barcelona mit der Polizei kloppt.

Sven Becker macht also nun in seinem Bericht auf Spiegel Online eine Vielzahl von Motivationen aus, sich an den Krawallen in Hamburg zu beteiligen. Darunter erinnert er an die Straßenkrawalle von London und mutmaßt, die Abgehängten und Unterdrückten der europäischen Großstädte könnten auch hier ein Ventil für ihre Frustration gefunden haben. Der bereits angesprochene Jakob Augstein twittert in regelmäßigen Abständen, dass die Randale schon nicht schlecht sei, aber das Ziel sei erst erreicht, wenn niemand mehr einen solchen Gipfel ausrichten wolle. Martin Kaul sieht in einem Kommentar in der taz mit den Krawallen in Hamburg einen beginnenden Aufstand gekommen und verpasst dieser Entwicklung auch gleich noch das passende Label: Insurrektionalismus, basierend auf dem in Frankreich verfassten Text „Der kommende Aufstand“. Grundlegender Bestandteil des Konzeptes ist, dass der Aufstand kommen muss. Warum das sein muss, und wohin er führen soll, ist nicht die Frage. Die Hauptsache ist, den Kampf zu beginnen und die passenden Bilder zu produzieren. Kaul selbst schließt seinen Text mit den Worten „Hinter dieser Gewalt steckt eine Idee. Ob sie Sinn macht, darf bestritten werden.“

Ich war am Wochenende nicht in Hamburg. Ich befand mich zuhause im stetigen Pendelverkehr zwischen Sofa und Klo. Ich hatte Insurrektionalismus im Magen-Darm-Trakt. Keine Ahnung, woran es lag, aber es tat ganz schön weh, und das Ergebnis war eine ganze Menge Scheiße. Wie sich die Ereignisse gleichen.

G20