Ist Neofolk zwangsläufig rechts?

Darf man als aufgeklärter Mensch Neofolk hören?
Eine Musikrichtung, die vor Anspielungen auf Protofaschismus und konservativer Revolution nur so strotzt. Ich bekenne mich dazu, selbst in dieser Nische noch Musik zu finden, die mir etwas gibt, die Frage ist, ist das gesamte Genre pauschal rechts einzuordnen?
Neofolk, ein Genre, das in den 80ern durch Death In June, Sol Invictus und Current 93 erschaffen wurde. Ähnlich wie im Songwriter Folk und Americana Folk besteht die Musik häufig aus akustischer Gitarre, Gesang und vereinzelt Percussion. Von meinen Freunden wird diese Musik gerne ironisch als Lagerfeuermusik bezeichnet.
Bei Death In June finden sich zusätzlich Synthesizer und Ambient Klänge, ihr Sänger Douglas Pearce ist bekennend homosexuell, lehnte den Namen der Band an den im Juni ermordeten, ebenfalls homosexuellen, SA-Führer Ernst Röhm an.
Dieserart eindeutige Verweise sind allerdings selbst im Neofolk rar gesät.
Man muss allerdings häufig genauer hinsehen, dann fällt einem zum Beispiel auf, dass selbst die Band des eher links einzuordnenden Jerome Reuter, Rome, für den Song Moorsoldaten einen bekannten SA Totenmarsch benutzt. Auseinandersetzung und Verherrlichung geben sich im Neofolk leider häufig die Klinke in die Hand. Wobei besagter Song der Band Rome nun eindeutig eine Hymne an die Häftlinge des KZ Börgermoor ist, ohne jeden Zweifel.

Changes, eine Folk Band der 70er. Der Sänger Robert N. Taylor ist bekennender Neuheide, war allerdings auch Mitglied der rechten Minutemen Bewegung in den USA und AFA (Asatru Folk Alliance). Ihre Musik lässt nicht so tief blicken, wie die faschistische Weltanschauung anscheinend verwurzelt ist. So mochte ich Changes von Anfang an und muss mir jetzt, wie so oft, die entscheidende Frage stellen; wie hoch sind meine moralischen Ansprüche?

https://www.youtube.com/watch?v=1S7aCMQ8wAg

Zweifelhafte Bands im Neofolk erkennt man auch an ihrer inzestuösen Beziehung zueinander, wobei auch Bands, die soeben noch als unbedenklich galten, nun mit eindeutig rechten Bands wie Moynihans Blood Axis (Michael Moyniham, bekannt für seine Koautorenschaft an dem Black Metal Buch „Lords Of Chaos“) zusammenarbeiten. Zu sehen bei dem diesjährigen Line-up des Runes & Men Festival in Leipzig.
Entstanden aus Punk und Industrial, formiert sich Neofolk im postindustriell Bereich der schwarzen Szene. Umso erstaunlicher, dass mittlerweile etablierte Ultrarechte ihn für sich entdecken. Bands wie Jännerwein werden neuerdings auch von Identitären empfohlen und nicht zuletzt fand sich das rechte Verlegerehepaar Kubitschek auf einem Neofolk Konzert wieder.

Neofolk ist meiner Meinung nach nicht zwingend mit rechter Ideologie verbunden, sondern vereint vielmehr das Sehnen der Menschen nach Natur, Sinnhaftigkeit und Entschleunigung in sich. Für mich ist Neofolk eine musikalische Renaissance des Jugendstils. Er kann auch als postindustrieller Entwurf gegen die moderne Gesellschaft gesehen werden und ist deshalb, und das schätze ich sehr, in großen Teilen links-offen. Gegenüber den mit Rechts sympathisierenden gibt es also zum Glück auch genug Bands, die positiv zu erwähnen sind:
Rome, Cult Of Youth, Vali, Nebelung, Empyrium, King Dude, Wöljager,
Tenhi, Sol Invictus, Sturmpercht. Um nur einige zu nennen.

Neofolk

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