Kamelritt durchs Nadelöhr.

Vor vielen Jahren ist mir in einem Seminar mal die "Protestantische Arbeitsethik" (Max Weber) über den Weg gestolpert. Im Hinblick auf das Auseinanderdriften von Arm und Reich ist es nun wieder Zeit für ein bisschen wildes Spekulieren und Tagträumen unter Berücksichtigung dieser uralten Tradition, die unsere westliche Welt vielleicht mehr geprägt hat, als auf den ersten Blick sichtbar.

Zunächstmal, was steckt hinter dieser sog. Ethik? Nun, meine Erinnerung ist schon recht verblasst, aber ganz grob auf einen sehr reduzierten Punkt gebracht handelt es sich um eine Art Rechtfertigungsmechanismus für unverschämten Reichtum, so! Diese "Ethik" besagt, genauer der Calvinismus, der darin mitschwingt, dass wer auserwählt ist einst ins Paradies einzuziehen, dieses Auserwähltsein bereits im Diesseits zu erkennen vermag, wenn es ihm oder ihr zum Beispiel gelingt tüchtig Reichtum zu akkumulieren. So in etwa glaube ich war das. Es ist dabei nicht etwa so, dass gute oder schlechte Taten noch eine Rolle dabei spielten. Die Würfel sind von Geburt an gefallen. Man gehört entweder dazu oder nicht. Und den Seinen füllt der Herr unter anderem das "Horn". Egal wie. Egal wodurch.

Es ist eine Form der Bewältigung kognitiver Dissonanz, weil eigentlich ist das Generieren von Reichtum ja nicht selten mit großer Inhumanität und immensem menschlichen Verschleiß verbunden. In früheren Zeiten eigentlich grundsätzlich immer und ganz unverblümt. Heute mehr so ausgelagert und im Verborgenen. Richtig schlimm beutet man anderswo aus, außerhalb des Wahrnehmungsradius der Öffentlichkeit, wenn man so will. Foltern tut man ja auch nichtmehr zuhause sondern anderswo. Und irgendwie musste das Gewissen schon immer damit klarkommen.

Kognitive Dissonanz bedingt ein Anpassen, bzw. Verbiegen der Bewertung von Umständen bis gewisse moralische Bedenken keinen Gegenstand mehr haben, an denen sie zu Recht Anstoß fänden. Geht es dabei um Menschen geschieht das für gewöhnlich durch ein Herabsetzen des Anderen, bis hin zum Ausschluss desselben aus der Spezies schlechthin, wenn es ganz dumm läuft. Dann gehört man quasi dem Tierreich an. Und mit Tieren kann man heute noch Vieles und konnte man früher quasi alles ungestraft machen.

Man "verwohlstandet" also und sorgt gleichzeitig sozusagen dafür, dass es nicht so schmerzt, wenn man dabei der Armut ins Gesicht schaut. Indem man nach alter Tradition die weniger Priviligierten in einer grundsätzlich selbstverschuldeten Misere sieht. Jeder ist schließlich seines eigenen Geschickes Schmied. Das ist natürlich nicht immer total unzutreffend. Aber Privilegiertheit braucht eben auch gerade das "Scheiternmüssen" anderer. Chancen sind außerdem recht unterschiedlich verteilt.

Jedenfalls verwundert unter diesem Gesichtspunkt die Neigung sehr reicher Menschen nicht, auf Scheiternde herabzublicken, sie pauschal vorzuverurteilen und sich damit aus der Verantwortung zu stehlen. Steuern zahlen für "die"? Einen Sozialstaat vorantreiben und mitfinanzieren für "sowas"? Die sind doch selbst schuld. Jeder kann es schaffen! Vom Tellerwäscher zum Millionär. Vom Milliardärssohn zum Präsidenten eines Landes. Wer arm ist soll arm sein. Wer nicht will, der soll auch nichts haben…

Einem "Schmarotzer" Solidarität zu verweigern fällt leicht. Und ich glaube die Zahl der gefühlt vorhandenen "Schmarotzer" steigt mit der Höhe des Vermögens, das man selbst, oft genauso "unverschuldet", besitzt. Für die Kaste der vergleichsweise überschaubaren Milliardäre eines Landes, die einen Großteil der vorhandenen Finanzmittel unter sich verteilt, ist dann vermutlich schnell die Masse der "anderen" verdächtig, faul und potentiell kriminell. Wie sollte man sonst verkraften, dass man seinen unverschämten und eigentlich oft auch unnötig exzessiven Besitz dem Wohl einer Gemeinschaft weitgehend vorenthält? Einer Gemeinschaft, die irgendwann einmal ihren Beitrag dazu geleistet haben dürfte, dass sich da so viel ansammelte.

Der Calvinismus hat dafür gesorgt, dass diese Form elitären Verhaltens Brauch ist. Natürlich heißt das nicht, dass diese althegebrachte Auffassung auch heute noch so in den Köpfen Wohlhabender wirkt. Die Haltung und Einstellung ist aber eine tradierte und auch ohne diesen religiös ideologisierten Unfug im Rechfertigungsprozess hat dieses Selbstverständnis der Reichen überlebt. Man hält sich qua Besitz für auserwählt und irgendwie ganz selbstverständlich für hoch anständig. Vielleicht weiß man ja nichtmehr warum. Aber Traditionen sind halt auch meist dazu da so staubige und blödsinnige Auffassungen zu ersetzen. Dazu dienen Traditionen. Sie sind nicht selten die "Geldwaschanlage" dümmlicher, fragwürdiger und grotesker Anschauungen von einst.

Grübeln, Sinnieren und Tagträumen..., Protestantische Arbeitsethik, Max Weber, Calvinismus, Armut

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Calvinismus