Mein Tag in Barmbek

Bereits ein paar mal habe ich mich nach Anschlägen hier geäußert. Bisher war ich dabei immer außenstehender Beobachter und habe Informationen hauptsächlich aus dem Netz oder TV-Nachrichten bekommen. Gestern kam mir ein entsprechender Vorfall zum ersten Mal auch räumlich wirklich nah.

Ich wohne in Hamburg-Barmbek. Im Edeka Müller an der Fuhlsbüttler Straße kaufe ich hin und wieder Lebensmittel. Gestern Nachmittag wollte ich meine Hemden aus der Reinigung direkt nebenan abholen. Dann kam ich aber an einer Polizeiabsperrung nicht weiter. Über Twitter habe ich dann erst erfahren, was sich ungefähr eine Stunde vorher dort ereignet hatte: Ein Mann sticht mit einem Messer auf Kunden des Supermarktes ein, ein Toter, mehrere Verletzte, ein Tatverdächtiger festgenommen. So viel war zu dem Zeitpunkt bekannt.

Mit Bewertungen des Vorfalls möchte ich mich zurückhalten. Auch möchte ich nicht von einem “Terror-Anschlag” sprechen. Für mich handelt es sich um einen Amoklauf eines isolierten, jungen Mannes, der wohl Drogenprobleme hatte und sich irgendwie Geltung verschaffen wollte - ob er dabei nun “Allahu Akbar” gerufen hat oder nicht macht für mich kaum einen Unterschied… Meine Gedanken sind so oder so bei den Angehörigen des Verstorbenen, bei den Verletzten und denjenigen, die durch den Anblick der Tat unter Schock stehen. Mit weniger Glück hätte ich dieses Mal zu einem der Genannten gehören können. Dieser Gedanke hat mich kurz beschäftigt. Dann überwog bei mir aber wieder der Wille, mein Leben nicht von Angst oder Hass bestimmen zu lassen und somit Terroristen in die Karten zu spielen.

Den Gang zur Reinigung habe ich heute nachgeholt. Die “Fuhle” ist belebt wie einem normalen Samstag morgen. Auf dem Bürgersteig sind noch einige mit gelber Sprühfarbe markierte Stellen zu erkennen. An einer ist - vom Regen schon stark verwaschen - noch das Wort “Blut” zu lesen. Die Rolltore der Edeka Filiale sind verschlossen, davor viele Blumen niedergelegt. Zwei, drei Kamerateams stehen noch umher. Es herrscht eine seltsame, aber keine beunruhigende Stimmung. Ich sehe viele Menschen, die ins Gespräch kommen. Vor allem auch Menschen unterschiedlicher Kulturen, ihre Mienen strahlen Betroffenheit aber auch Zuversicht aus. Irgendwie typisch für Hamburg. Ich selbst bin auch betroffen, aber Angst verspüre ich keine.

Messerattacke in Hamburg, Barmbek

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/messerattacke-in-hamburg-was-ueber-hergang-und-hintergrund-bekannt-ist-a-1160492.html