Meine Mutter und Putin

Zwanzig Jahre meines Daseins habe ich in einer Diktatur gelebt und gebe ehrlich zu, dass es weniger schlimm war, als manch einer, der nie mit dieser Regierungsform in Berührung kam, vielleicht denken mag.

Eventuell lag es an meinem Umfeld - an den jungen Wilden, die sich von keinem etwas vorschreiben ließen. Obgleich allein die Annahme, dass es sie gegeben hat, davon zeugt, dass ein totalitäres Regime hier und wieder dazu in der Lage sein kann, bei bestimmten Freiheiten ein Auge zuzudrücken.

Doch ich möchte über etwas ganz Anderes sprechen.

Und zwar über meine Mutter und ihre neue Liebe.

Meine Mutter zog mich zu einer freidenkenden Person groß. Sie lehrte mich zu hinterfragen, zu zweifeln und standhaft zu bleiben. Sie trat weder Komsomol noch der KPdSU bei, was einen zur damaligen Zeit einem Aussätzigen gleichstellte, und konnte trotzdem eine anständige Arbeitsstelle ergattern und uns ein würdiges Leben ermöglichen.

Sie hasste Kommunismus, sie hasste die greisen Oberhäupter und die unsinnigen Vorschriften, die im Land herrschten. Sie nutzte jede Chance, um mich auf die Missstände im Land aufmerksam zu machen und mich somit zum Nachdenken zu animieren.

Ich kann mich sehr gut an einen von ihr berichteten Zwischenfall erinnern.
Es war März 1953. Meine Mutter – damals fünf Jahre alt – aß zu Mittag im Kindergarten, als eine Erzieherin, Arme verrenkend und weinend, in die Gruppe hineinplatzte, auf den Boden fiel und brüllte, dass Genosse Stalin gestorben sei.

Diese Szene wurde für sie zum ersten politischen Impuls, der ihr klar und deutlich zeigte, was Diktatur und Propaganda mit dem Bewusstsein eines Menschen anstellen.

Immer wieder bekam ich während meiner Kindheit und Jugendzeit von ihr zu hören, dass ich mich an westliche Werte orientieren sollte, dass die Strukturen meines Heimatlandes* mich früher oder später in die Enge treiben würden, dass ein Mensch für die Freiheit geschaffen ist und nicht, um zu gehorchen.

Jetzt ist meine Mutter neunundsechzig. Ich lebe in Deutschland, sie blieb in Usbekistan. Sie kommt immer wieder nach Deutschland zu Besuch und staunt jedes Mal über die freundliche Atmosphäre dieses Landes (was ich leider nicht ohne Weiteres so unterschreiben kann).

Ich habe sie immer für ihre Charakterstärke bewundert. Das tue ich immer noch. Aber es gibt ein Problem.

Sie findet Putin toll.

Meine Mutter, die nie ein gutes Wort für die marxistisch-leninistische Vergangenheit ihres Vaterlands übrighatte und auch dessen aktuelle Regierung unaufhörlich kritisiert, findet plötzlich den fucking PUTIN toll!

Neuerdings geht sie sogar in die russische Botschaft wählen. Putin wählen.

Den Putin, der vor Kurzem häusliche Gewalt entkriminalisiert hatte. (Und dafür musste ich mir Jahr für Jahr anhören, dass ich nie und niemals bei jemandem bleiben darf, der auch nur einmal handgreiflich geworden sei! Sagt alle NEIN zur häuslichen Gewalt und gebt mir ein Amen!)

Den Putin, der jegliche Opposition in Russland vernichtet hatte.

Den Putin, der Homosexuelle verfolgen lässt. (Dabei ist der Lieblingssänger meiner Ma homosexuell!)

Den Putin, der das demokratische Erbe Jelzins mit Füßen tritt.

Den Putin, der Künstler zensieren lässt.

Ich frage mich, wie es möglich ist, dass meine Mutter auf ihre alten Tage sich von der russischen Propaganda-Maschinerie so beeinflussen lässt und Fernsehberichten glaubt, in denen erzählt wird, man bringe europäischen Kindern in den Schulen das Schwulsein bei oder, dass schwedische Regierung russischen Auswanderinnen ihre Kinder wegnehme?

Was muss im Kopf einer Frau wie meine Mutter geschehen sein, dass das Mediengift seine Wirkung in ihrem Hirn entfalten kann?

Warum liebt sie einen Diktator?

Mittlerweile ist sie so töricht in ihn vernarrt, dass jeder Versuch von mir, Putin aus ihr zu exorzieren, kläglich scheitert.

Wie ich bereits am Anfang sagte, ist es womöglich nicht ganz so tragisch, unter einer Diktatur zu leben, wenn man in sie hineingeboren wird. Menschen sind glücklicherweise sehr anpassungsfähige Geschöpfe.
Wenn man jedoch eine Diktatur willentlich und bei klarem Verstand herbeiruft, begeht man ein Verbrechen.

Das darf nicht passieren.

Achtet auf Eure Nächsten.


*Um Missverständnisse zu vermeiden, muss gesagt werden, dass mein Heimatland Usbekistan ist. Sowie auch das meiner Mutter. Aufgrund bestimmter Umstände sind wir aber beide russische Staatsbürgerinnen.

Putin

http://www.mopo.de/news/politik-wirtschaft/schriftsteller-wladimir-kaminer--darum-sind-putin-und-erdogan-so-beliebt-26278814