Michael Moore über Donald Trump - Die Abgehängten

Ja, verdammt nochmal, auch ich hoffe, dass Donald Trump die Präsidentschaftswahlen in den USA nicht gewinnen wird, beziehungsweise ich habe sogar Angst davor, dass er es tun wird. Gegen diesen Wahnsinnigen, der am Besten in die Psychatrie eingewiesen würde, wäre selbst Hillary Clinton wie ein rettender Engel. Aber dennoch hat Michael Moores Argumentation etwas. Es kommt nicht von ungefähr, dass rund um die Welt die Populisten Oberhand gewinnen und dass ein gewisser Hang zur Irrationalität inzwischen Grundbedingung für einen Durchmarsch im politischen Geschäft ist. Menschen weltweit suchen nach Politikern, die sich wirklich um ihre Probleme kümmern, die definitiv nichts mit dem politischen System der Verquickung von Kapital und Politik zu tun haben. Selbst wenn man ziemlich verzweifelt sein muss, Donald Trump für einen solchen Politiker zu halten, ist das grundsätzlich verständlich, wenn das Gegenmodell, das zur Wahl steht, im Grunde als Symbol für dieses System stehen könnte.

Weltweit sind in den letzten Jahrzehnten Sicherheiten zusammengebrochen, an die sich die breite Masse der Bevölkerung gewöhnt hatte. Im Grunde genommen war dieses Gesamtbild aus Frieden und materieller Sicherheit, das wenigstens in den westlichen Industriestaaten in den letzten Jahrzehnten prägend war, ein Traum, wenn man es mit der Geschichte abgleicht. Wir Deutschen stehen in dieser Hinsicht immer noch vergleichsweise gut da, aber auch bei uns mehren sich die Symptome. Es gab mal eine Zeit, als ein Facharbeiter von einem Gehalt seine Familie ernähren konnte, in der man davon ausgehen konnte, dass der bekannte Dreiklang von Haus, Auto und Urlaub jedem offenstand, der bereit war, dafür zu arbeiten, und in dem auch eine angenehme Rente im Kreise der Familie im Grunde nur eine Frage des eigenen Beitrags war. Es gab mal eine Zeit, als mit dem Ende des kalten Krieges und der fortschreitenden europäischen Einigung ein Krieg in Europa unmöglich schien. Es gab mal eine Zeit, in dem man davon ausgehen konnte, dass man in seinem kleinen privaten Winkel sicher nach seiner eigenen Facon leben konnte und auch weiter können würde, weil die gewählten Volksvertreter alles tun würden, damit dies so bleiben würde.

Dass das Thema durch war, hätte einem in Deutschland spätestens in den 80ern klar sein müssen, als Nobby Blüm verkündete, die Rente sei sicher, auch wenn jeder, der alle Sinne beisammen hatte, wusste, dass das nicht der Fall war. Die demografischen Probleme Deutschlands mussten auch damals jedem denkenden Menschen klar sein. Jetzt sind wir dreißig Jahre weiter, und immer noch glauben unsere Regierenden, uns vorspielen zu können, alles wäre gut und sie hätten alles im Griff, wenn sie nur die Stellschrauben im Promillebereich anziehen würden, auch wenn man um sich herum Anzeichen erkennen kann, dass das nicht der Fall ist. Wie gesagt, uns Deutschen geht es noch gut. Von Arbeitslosenquoten wie in Spanien oder Griechenland sind wir noch weit entfernt. Slums wie in Frankreich gibt es bei uns bislang wenigstens noch nicht. Allerdings fragen sich die Menschen, wie lange das noch der Fall sein wird.

Zu Michael Moores Kommentar fällt mir ein Begriff ein, der auch im Verlauf der letzten Woche in den deutschen Medien aufgetaucht ist. Die Menschen, die Moore beschreibt, diejenigen, die Donald Trump wählen, weil sie in ihm endlich einen Kontrapunkt zu dem System erkennen, das dazu geführt hat, dass sie ihre Arbeit, ihre materielle Sicherheit und ihre Hoffnung auf die Zukunft verloren haben, sie sind die Abgehängten, also diejenigen, die auch in Deutschland nach Medienberichten bevorzugt ins populistische Lager streben und die AfD wählen. Die Motive sind andere, sind weniger materiell als in anderen Ländern, wo weite Kreise sich inzwischen fragen, wie es weitergehen soll. Sie vereinen auch ideelle Fragestellungen wie die Frage nach der Sexualerziehung in den Schulen und der Gendertheorie mit puren Sicherheitsbedenken wie hinsichtlich der Flüchtlingspolitik, die die meisten Gegner vor allem als Gefährdung ihrer persönlichen Sicherheit sehen. All diese Menschen, die diese Motive teilen, fühlen sich abgehängt durch ihre Volksvertreter, die die Gendertheorie zum amtlichen Leitbild erklären und jeden Menschen, der seine Besorgnisse angesichts der Flüchtlingspolitik zum Ausdruck bringt, in die rechte Ecke stellen und lächerlich machen.

Es ist interessant und bestürzend, Michael Moore, der Ikone der Linken, dabei zuzuhören, wie er klar zum Ausdruck bringt, warum Donald Trump gewählt wird, und warum dieses Wahlverhalten wenn nicht verständlich, dann doch nachvollziehbar ist. Es wird Zeit, dass unsere Regierenden diese Argumentation zur Kenntnis nehmen und sich dafür interessieren, was die Abgehängten bewegt. Es wird Zeit, dass sie damit aufhören, sich über die besorgten Bürger lustig zu machen und ihnen fremdenfeindliche Motive für ihre Sorgen zu unterstellen. Es wird Zeit, dass sie auch bedenken, dass es ebenfalls besorgte Bürger waren, denen gerade mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg und dem Ende des Kaiserreichs eine Welt zusammengebrochen war und die die Hauptlast der darauf folgenden Inflation und Wirtschaftskrise zu tragen hatten, die einen Adolf Hitler an die Macht wählten. Vielen dieser Menschen war es weniger wichtig, was dieser Mensch über die Juden zu sagen hatte oder ob er mit seinem Wunsch nach Lebensraum im Osten den nächsten Krieg bereits ankündigte. Ihnen ging es darum, dass da jemand versprochen hatte, Deutschland zu alter Größe zurückzubringen. Das reichte ihnen.

Wie sich die Sprüche gleichen – „Make America great again“, das ist genau das, was Trump seinen Anhängern verspricht. Wenn es soweit ist, dass solche Sprüche im Wahlkampf ziehen, dann sollte man als Volksvertreter, als Regierender aufhören, auf solche Leute mit dem spitzen Finger zu zeigen. Viel eher sollte man sich fragen, ob man vielleicht etwas falsch gemacht hat.

Die Abgehängten, Donald Trump

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