Mit wem wurde vor Hitler verglichen, und warum überhaupt?

Gestern stellte der Rechtsanwalt und Kolumnist Heinrich Schmitz, dessen Kolumnen ich gerne lese, auch wenn ich des Öfteren nicht inhaltlich mit ihm übereinstimme, eine der grundlegenden Fragen der heutigen Medienwelt – Mit wem hat man eigentlich vor Hitler verglichen? In einer Zeit, in der Erdogan Nazi-Methoden bei der Arbeit sieht, weil seine Minister nicht in den Niederlanden auftreten dürfen, ist eine solche Frage durchaus berechtigt, da Hitler-Vergleiche inzwischen dermaßen inflationär benutzt werden, dass inzwischen jeder wahllos damit belegt wird und es heutzutage ein Ausweis der politischen Inaktivität ist, wenn man noch nicht mit Hitler verglichen wurde, und da diese Vergleiche teilweise keinen aktuellen Bezug zum Vergleichsobjekt mehr aufweisen und komplett an den Haaren herbeigezogen wirken.

Im Grunde könnte es dem aufmerksamen Politik-Publikum ja egal sein, mit welchen Argumenten sich die handelnden Akteure auf der Bühne des politischen Geschehens befetzen, wenn das Problem nicht darin bestände, dass Hitler-Vergleiche inzwischen pauschal dafür genutzt werden, jedwede Gedankengänge und Initiativen abzuwürgen, die im Grunde komplett legtitim sind, aber dem Vergleichenden nicht in den Kram passen, was im Grunde des Öfteren einer Verharmlosung des nationalsozialistischen Unrechts gleichkommt. Wichtig ist nur, dass der politischen Gegenseite die Stimme genommen wird, egal wie. Der Hitler-Vergleich ist in der Hinsicht eine der schärfsten Waffen im Arsenal des politischen Diskurses. Er ist das, was in anderen Staaten der Kommunismusvorwurf und in anderen Zeiten die Beschuldigung des undeutschen oder sogar jüdischen Gedankenguts war. Im Grunde ist es egal, ob der Vorwurf passt. Einmal ausgesprochen, ist die Idee, die damit bezeichnet wurde, wenigstens angeschlagen.

Mit wem wurde also verglichen als Hitler noch nicht als Vergleichsmaßstab zur Verfügung stand? Nun, man muss zugeben, dass es schwer wird, einen ebenso erschlagenden Vergleichsgegenstand zu finden, denn zu Hitler kann es in einer aufgeklärten Gesellschaft effektiv keine zwei Meinungen geben, abgesehen davon, dass Hitler und seine Bewegung sich in den letzten Jahrzehnten tatsächlich zu einem Szenario entwickelt haben, das mit dem Kinderspiel „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ vergleichbar ist. Niemand weiß eigentlich noch, warum man Angst vorm schwarzen Mann haben muss, aber „wenn er kommt, dann laufen wir“. Ähnlich ist es mit Hitler. Den wenigsten Menschen, die nicht selbst Teil der politischen Maschinerie sind, fällt wahrscheinlich zur Frage, warum Hitler (hier bitte einen ausgewählten Katalog der eigenen Beschimpfungen einfügen) ist, mehr ein als eine Reihe an Phrasen. Hitler ist die Gegengestalt dessen, was als gut und richtig begriffen wird. Was das im Detail ist, spielt dabei keine Rolle mehr.

Im Grunde ist kaum ein Bestandteil der deutschen Geschichte so intensiv beleuchtet worden wie die Nazizeit. Da sollte es doch eigentlich in einem sachlichen Diskurs möglich sein, das Phänomen des Nationalsozialismus in seinen Ursachen, Auftrittsformen und Auswüchsen zu diskutieren und erklären. Eine Dämonisierung Hitlers verhindert eine solche sachliche Aufarbeitung, weil sie jeden neutralen Blick verhindert. Aber vielleicht ist ein solcher neutraler Blick auch nicht gewollt. Ein wirkliches Verständnis des Phänomens jener schrecklichen zwölf Jahre würde es dem aufgeklärten Bürger ermöglichen, allen Menschen entgegenzutreten, die mit Hitler-Vergleichen versuchen, alle politischen Entwicklungen abzuwürgen, die ihnen nicht in den Kram passen, selbst wenn sie mit Hitler aber auch wirklich nichts zu tun haben. Eine Entdämonisierung Hitlers zu dem, was er wirklich war, zu einem menschenverachtenden, verstörten und psychopathischen Egomanen, der zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war, würde zu einem wirklich offenen Diskurs beitragen, und das sollte eigentlich das Ziel sein.

Ich habe als Möglichkeit dessen, was vor Hitler als Vergleichsmaßstab im Raum stand, den Antichrist vorgeschlagen. Es könnte auch der Teufel sein, alles, was als böse begriffen wird, was immerwährend als Versuchung im Raum steht und immer weiter hart daran arbeiten wird, uns, die Guten, vom richtigen Weg abzubringen. Wer sich einer solchen Dämonisierung bedient, tut das im Normalfall, um sich selbst zu versichern, dass er auf der Seite des Guten steht. Hitler und seinen Spießgesellen ist in den letzten Jahrzehnten eine Dämonisierung zuteilgeworden, die ihren wirklichen Schrecken um Dimensionen übertrifft und nebenbei jeden Versuch der sachlichen Erklärung abwürgt. Ein neuer Hitler, und schon sieht der Deutsche vor seinem geistigen Auge wieder SA-Männer durch die Straßen marschieren – auf den Theaterbühnen sind sie ja schon seit Langem unterwegs – und macht sich keine Gedanken mehr, wie es denn damals dazu kommen konnte, was vielleicht auch ein Ansatz wäre, um wirklich einen Weg zu finden, um eine Wiederkehr zu verhindern. Ein neuer Hitler, und schon rennen alle schreiend im Kreis, so ungefähr wie im Mittelalter, als der Priester von der Kanzel herunter nur mit dem Teufel drohen musste, und die Gemeinde war bereit, alles zu tun, um die drohende Gefahr abzuwehren, und sei es, Ablassbriefe zu kaufen oder auf Kreuzzug zu gehen. Ähnlich läuft es, wenn die heutigen Hohepriester des politischen Diskurses mit dem Hitler-Vergleich aufwarten. Einmal rausgeholt, und niemand wird mehr bereit sein, das so Bezeichnete anzufassen. Das mag effektiv sein, aber einer aufgeklärten Gesellschaft ist es trotzdem unwürdig.

Die deutsche Sprache zeichnet sich wunderbarerweise durch eine Anzahl von Begrifflichkeiten aus, die plastisch und erst aus dem Kontext erklärbar sind, wie beispielsweise der Begriff Totschlagargument. Alles, was man mit einem Totschlagargument belegt, ist tot. Alle Gesellschaften können in ihrer Aufgeklärtheit und inneren Freiheit danach bewertet werden, was an Totschlagargumenten verbreitet und im Einsatz ist. In einer demokratischen, pluralistischen und freiheitlichen Gesellschaft wie der unseren sollten Totschlagargumente im Grunde nur in Gesetzesform vorliegen, und dann kann man einfach Anzeige stellen. Und schon ist Hitler aus dem Spiel. Verboten ist er schließlich, und das ist gut so.

Hitler-Vergleiche

Anzeige: