"morgen fange ich an." - Prokrastination am Limit

14 Tage später. Das Logo ist im Kopf aber in Echt ist es nicht fertig.

Nur ist die Gestaltung von Medien nunmal kein Haustürgeschäft mit Handschlag und nem Hunni in bar, sondern ein Prozess mit kreativen Höhen und Tiefen. Bis der Auftrag abgeschlossen und das Geld auf meinem Konto ist, durchlaufe ich einen langen und qualvollen Weg der Prokrastination. Wenn ich nicht gerade Feuer und Flamme für das Projekt bin, lasse ich mich unfassbar gerne ablenken. Selbst wenn ich das WLAN kappen, mich einschließen und den Schlüssel zusammen mit dem Handy im Flugmodus aus dem Fenster werfen würde, wäre da noch Kaffee und die Katze und die Gedanken, die nichts mit dem Projekt zutun haben, die aber zuende gedacht werden müssen. Da ich genau weiß, dass das so abläuft, fange ich meistens eine ganze Weile gar nicht erst an, und tue was anderes, oder auch nichts, jedoch nicht ohne den anfangs subtilen, später allgegenwärtigen, unerträglichen Druck, der mich dann irgendwann nicht mehr schlafen lässt.

Ich fange an, meine Wut, die sich eigentlich gegen mich selbst richtet, auf den Kunden zu projizieren. Der Anfangs so nette Kunde wird zum persönliche Feindbild. Wütende Menschen sind nicht mehr nett. ich hasse seine Telefonnummer auf meinem Handy und die kleine rote Zahl über der Mailbox, die ich niemals abhöre. Wenn ich seinen Namen lese, denke ich "wie kann man so heißen?" und ich überlege, wie ich mein Kind nennen würde, wenn es diesen Nachnamen trüge.
Sinnlose Gedanken, verschwendete Lebenszeit, ein Teufelskreis.

"prokrastinieren - was zur Hölle soll das sein?" höre ich ständig, wenn ich auf die Frage antworte,
was ich heute gemacht habe. Das Phänomen, an dem ich -wie ich finde- ernsthaft erkrankt bin, ist wohl im Volksmund besser bekannt als "Aufschieberitis", was in meinen Augen die Sache jedoch verharmlost. Ich glaube, kaum jemand außer mir ist in der Lage, gleichermaßen absurde wie authentische Ausreden zu erfinden, die verschleiern sollen, dass ich auf gut Deutsch meinen Arsch nicht hochkriege. Sogar meinen eigenen Tod habe ich schon überzeugend vorgetäuscht.

Der Druck, die Sachen fertig zu kriegen, wird nicht weniger durch die Tatsache, dass ich zusätzlich seit Wochen einen Pullover in meinem Auto spazieren fahre, den ich bei eBay verkauft habe. Einen Umschlag kaufen, Pullover rein, Adresse drauf, fertig. Warum geht das nicht? Ich weiß doch, wohin das führt. Vor einigen Jahren z.B. habe ich mir "Pulse" von Pink Floyd aus der Videothek ausgeliehen. Erstaunlicherweise blinkt die kleine LED auf der Hülle in meinem DVD-Regal heute noch immer wie ein Mahnmal. Sie erinnert mich an viele blockierte Wochen, einen Schufa-Eintrag und Inkasso-Forderungen, in deren Höhe ich die DVD wohl sechs mal hätte neu kaufen können.

Vor kurzem fuhr mich ein Freund mit seinem 3 Jahre alten Audi nach Hause. Das Auto riecht noch immer wie ein Neuwagen und sieht auch so aus. Ich fragte ihn, wo die ganzen Pfandflaschen und Bonbonpapiere und Kassenzettel sind. Seine Antwort war gleichermaßen bescheuert wie genial: "ich bin extrem faul und hasse es, unnötige Wege zu gehen, daher nehme alles immer direkt mit." Fast ploppten mir die Augen aus dem Kopf

Anschleßend habe ich in einem aufwendigen Selbstversuch einfach mal alles sofort erledigt, was zeitlich und technisch machbar war. Ich war erstaunt, wie viel das war und wie schnell das ging. Das Gefühl danach war überwältigend. Südseeurlaub im Kopf.

Leider hat sich seitdem aber auch schon wieder einiges angesammelt. Noch ist es überschaubar und droht mich noch nicht darunter zu begraben. In Anknüpfung an mein Erfolgserlebnis, werde ich die Sachen wirklich bald erledigen.
Gleich morgen.
Ohne Scheiß.

Prokrastination

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