Müssen Muslime sich distanzieren? – Im Schatten der Leitkultur

Wie Herr Dr. Hergen Albus in seinem Kommentar detailliert erläutert, gibt es keinen muslimischen Zwang zur Distanzierung. Kein Muslim muss sich auf die Straße zwingen und ein kläglich Zeichen gegen den Terror setzen, welches für viele vermutlich leider sowieso unbeobachtet verhallt. Dennoch dürstet die Deutsche Allgemeinheit nach einem solchen umfassenden Signal aus den muslimischen Gemeinden. Gerade in Zeiten, in denen auf Fernsehbildschirmen debattiert wird, ob der Islam denn nun zu Deutschland gehöre.

Dieses unwürdige Beispiel von einer Debatte ist als reine politische Farce anzusehen. Denn sie schafft es nicht, tatsächliche Probleme innerhalb von Subkulturen auf deutschem Boden aufzugreifen und sachgerecht zu behandeln. Nicht der Islam gehört zu Deutschland: die Religionsfreiheit tut es!
Auch die sogenannte deutsche Leitkultur ist nur ein temporärer Zustand. Lediglich die Rechtsprechung ist als einigermaßen konstanter Leitgedanke in unserer Kultur und unserem Bewusstsein existent. Verändert sich die Kultur nicht, wird auch die Gesellschaft nicht vorangehen. Aufschreie sollte es erst dann geben, wenn kulturelle Bewegungen die Rechtsprechung beeinflussen oder beginnen grundsätzliche Maxime unserer Gesetzgebung aufzuweichen.

Kultur ist immer vielfältig. Deshalb wird auch heute noch viel über die Zeiträume einzelner literarischen oder künstlerischen Epochen. Kunst entstand meist aus Protest und besaß eine besondere Moral oder zumindest einen gemalten, gespielten oder gesungenen Wunsch. Wenn dieser Wunsch stark genug war und wie ein Lauffeuer Einzug in die Herzen der Menschen oder in ihren Verstand erhielt, entstand daraus Kultur.
In einer funktionierenden Demokratie herrscht Meinungspluralität. Erst der Kompromiss aus verschiedenen Interessen und Sichtweisen ermöglicht eine gerechte Form des staatlichen Handelns. Dieses Privileg ist jedoch nicht ausschließlich für die Politik gepachtet. Auch die Gesellschaft lebt von ihrer Lebendigkeit.
Die Tristesse einer konsensgesteuerten Gesellschaft wäre ein Dolchstoß für jede einigermaßen vitale Bevölkerung.

Wenn jemand in meinem Glauben - fernab ob nun von religiöser oder geistiger Natur - Verbrechen begeht, dann bin ich zwar nicht dazu verpflichtet mich von diesen abscheulichen Taten zu distanzieren, sollte aber eigentlich ein persönliches Interesse daran haben, diesen Verblendeten ihre Grenzen aufzuzeigen. Nicht das Gesetz, wohl aber meine eigene Moral würden mich also zu einem deutlichen Signal erzwingen.
Die Frage wie nun diese Ablehnung zur Schau gestellt wird ist eine andere. Hierbei sollte jedoch der Wert einer Demonstration nicht unterschätzt werden. Es waren Demonstration, die den arabischen Frühling auslösten. Auch in diesem Fällen waren die Machthaber meist gehörlos für die Belange ihrer modernen Vasallen. Doch wer mit einer derartigen Masse an feindlich gesinnten Menschen konfrontiert ist, überlegt es sich zweimal ob er ein Unrecht begeht, welches das Fass zum Überlaufen bringen könnte. Die derzeitige Situation ist jedoch noch wesentlich komplexer. Der Protest richtet sich schließlich nicht gegen Despoten, sondern gegen ein diffuses, militantes Netzwerk welches jegliches Gespür für Menschlichkeit verloren hat. Im blutigen Kampf gegen die angeblichen "Kuffar", die Ungläubigen ist ihnen jedes Mittel recht. Wichtig zu erwähnen ist, dass hauptsächlich bisher Muslime die Opfer der islamistischen Mordmaschinerie geworden sind. Die Prediger des Islamischen Staates mag es also wenig interessieren was moderate Muslime versuchen durch Demonstrationen auszudrücken, den Rückhalt einer westeuropäischen Zivilgesellschaft kann es dennoch stärken.

Erklärtes Ziel des "Daesh" und seiner Verbündeten ist die Errichtung eines islamistischen Gottes-Staates. Um Ihren Machteinfluss in Europa zu erweitern, sprechen sie davon die muslimische Bevölkerung zu isolieren, um sie in der Folge empfänglicher für islamistisches Gedankengut zu machen. Wenn sich also Muslime in Demonstrationszügen formieren und gegen die militante Auslegung ihrer Religion ein Zeichen setzen, sollte das nicht als purer Rechtfertigungsdruck abgetan werden, sondern als Angebot für eine verstärkte Zusammenarbeit der Kulturen innerhalb der europäischen Gesellschaft wahrgenommen werden. Starke Worte, die eine solch noble gesinnung verdient. Deshalb bestürzt es mich persönlich umso mehr, dass nur wenige Glaubensgenossen diesen Schritt in eine richtige Richtung gegangen sind. Nicht weil sie es müssten, sondern weil es ihnen helfen würde akzeptiert zu werden.

Friedensdemonstration der Muslime in Köln

http://www.zeit.de/2017/26/islam-reform-moschee-berlin-fatwa

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