Nach Chemnitz - Kein Wunder

Ein kurz bevorstehender Terroranschlag in Deutschland findet nicht statt. Die Sicherheitsbehörden waren dem Täter auf der Spur, und eine Gruppe von Landsleuten des Täters stellten unter Beweis, dass nicht alle syrischen Flüchtlinge Terroristen sind, indem sie ihren Landsmann hochnehmen und die Polizei verständigen. Ja, auch ich freue mich darüber, aber sofort setzen die üblichen Reaktionen ein. Jeder, der sofort wieder die linksversiffte Propagandamaschine bei der Arbeit wähnte, sollte sich mal auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen. Es waren schätzungsweise dieselben Menschen, die sich aufgrund der bislang immer noch nicht bestätigten Meldung, die drei Syrer seien in die Anschlagsplanungen eingeweiht gewesen, sofort in ihrem Weltbild bestätigt fühlten.

Ebenfalls auf ihren Geisteszustand untersuchen lassen sollten sich die Mitarbeiter im Strafvollzug, die dafür verantwortlich sind, dass sich der verhinderte Attentäter in seiner Zelle erhängen konnte. Um so etwas zu tun, braucht man grundlegende Hilfsmittel, und es müssen Vorbereitungen getroffen werden. Wenn so etwas bei einem Menschen passiert, der aufgrund von Selbstmordgefahr unter Beobachtung steht, bedeutet das, das wenigstens ein Mensch seine Arbeit nicht gemacht hat. Wahrscheinlich ist eher, dass es im gesamten System krankt. Es ist kein Wunder, dass Menschen aus Dritt-Welt-Ländern inzwischen lästern, jetzt sei es in Deutschland auch schon wie bei ihnen.

Im Grunde ist das aber ein grundsätzliches Problem, das wohl alle Menschen in unserer postfaktischen Zeitalter mehr oder weniger trifft. Mehr und mehr Menschen stellen ihre Birne ab und lassen ihre Denkschablonen für sich arbeiten. Der eine sieht in jedem Flüchtling eine islamistische Hasskappe, der andere ein schutzwürdiges Wesen, das es zu integrieren gilt, und alle werden inzwischen mehr oder weniger von Terrorangst bewegt. Diese Woche brannte es auf dem Europa-Center in Berlin brannte, und es dauerte nur Minuten, da posteten User, ein Flugzeug sei ins Gebäude geflogen, und berichteten von Attentätern, die Allahu akbar gerufen hätten. Alle Fakten änderten nichts daran, dass die Terrorangst sich breit machte und wenig später der erste User mit „Danke, Merkel“ kommentierte.

Im Prinzip reagieren wir alle nur noch in Schablonen, die in unseren Gehirnen fertig vorfabriziert vorliegen und nur noch bei Gelegenheit abgerufen werden. Ob diese Schablonen nun „Flüchtlinge willkommen“ oder „Merkel muss weg“ lauten, ist hierbei nebensächlich. Beiden ist gemeinsam, dass keine Denkarbeit aufgebracht wurde, um sie zu produzieren. Nicht, dass das ein Wunder wäre. Manchmal fragt man sich ja auch, ob das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu den wichtigen Themen der heutigen Zeit noch irgendwas auf die Reihe kriegt, das nicht auf den ersten Blick als weltanschauliche Schulung daher kommt und vorhersagbar aus Schablonen besteht. Der gestrige Bericht in den Tagesthemen war hierfür ein Beispiel. Es reichten den verantwortlichen Redakteuren nicht, über die drei Syrer zu berichten, die ihren Landsmann festnahmen. Natürlich musste dann auch noch über ein Kulturprojekt berichtet werden, in dem junge in Deutschland lebende Syrer über ihre Flucht und ihre Hoffnungen auf ein Leben in Deutschland rappen. So wird das Ereignis in einen Kontext eingebettet und damit zur Schablone.

Viele Beteiligten merken allerdings gar nicht, wie sehr die Schablonen, die sie auswerfen, sie selbst entlarven. So sollte sich jeder, der das Ereignis, dass syrische Flüchtlinge in Deutschland einen syrischen Terroristen festsetzen, jetzt als Sensation abfeiert - wie beispielsweise die Autoren des Berichts, der gestern in den Tagesthemen lief - mal fragen, ob er in Wahrheit nicht seine eigenen Vorurteile betäubt, indem er sich selbst versichert, dass diese Syrer Heldem waren. Natürlich war es heldenhaft, was die drei Syrer da abgeliefert haben, aber es machte in der Hinsicht keinen Unterschied, ob es sich um Syrer oder Deutsche handelte. Helden gibt es in jeder Bevölkerungsgruppe. Schweine auch.

Mich wundert das Ereignis nicht unbedingt, denn syrische Flüchtlinge sind nicht alles Kriminelle oder Terroristen (wie die eine Seite es sieht) oder traumatisierte und schutzbedürftige Gestalten (wie die andere Seite es darstellt). Viele von ihnen sind auch durchaus integrationswillig, weil das die Grundlage ist, um die Chance nutzen zu können, die ein Leben in Deutschland bietet. Wie so viele Diasporagesellschaften sind sie hervorragend vernetzt und auf Kriminelle in den eigenen Reihen - die ihre Chancen auf eine bessere Zukunft beschädigen - nicht gut zu sprechen.

Und für alle, die jetzt darauf verweisen, dass frühere Einwanderer in Deutschland das Gegenteil nahelegen - Ich gehe davon aus, dass die jetzigen Einwanderer den bisherigen Ghettobewohnern von Neukölln und anderswo mittelfristig zeigen werden, wo der Hammer hängt. Bei den Zuwanderern, die jetzt aus Syrien kommen, handelt es sich mehrheitlich nicht um Angehörige der dörflichen Unterschicht irgendwelcher anatolischer Käffer, und es handelt sich auch nicht um libanesische Familienclans, die seit Generationen Erwerbstätigkeiten nachgehen, die auch dort im Strafgesetzbuch stehen. Bei den jetzigen Flüchtlingen handelt es sich durchaus auch um Städter, die eine grundlegenden Bildungshintergrund mitbringen und es wissen wollen, die also in diesem Fall wirklich eine Bereicherung darstellen könnten.

Damit zum Schluss – Ja, auch ich habe meine Schablonen in meinem Gehirn, die mein Denken steuern und in die mir genehme Richtung steuern. Aber ich tue alles, um zu verhindern, dass diese Schablonen vollständig die Regie übernehmen. Ich versuche, zu differenzieren und meine Welt nicht in Gut und Böse einzuteilen, wie es nur allzu menschlich ist. Und das bedeutet auch, ich möchte nicht, dass mir meine Umwelt ständig ein Denken in Denkschemata aufdrückt, dass genau darauf hinausläuft. Ich möchte auf Probleme der Integration hinweisen können, ohne gleich als Rechter gebrandmarkt zu werden, aber ich möchte auch Zuwanderung befürworten können, ohne gleich offene Grenzen zu fordern. Ist dies wirklich so schwer?

Jaber Albakr, Europa Center