Nicht mehr zurücklehnen und zuschauen!

Ich gebe es zu: Irgendwie hatte man sich in meiner Generation lange zurückgelehnt und gedacht es würde immer so weiter gehen. In Europa herrschte einigermaßen Common Sense über die wichtigen Themen, man richtete sich weitgehend an gemeinsamen Werten aus und die wählbaren Parteien unterschieden sich nicht großartig in Ihrer Sicht auf die Welt. Und irgendwie konnte man sich immer darauf verlassen, dass sie drüben, jenseits des Atlantiks, einen halbwegs vernünftigen Menschen zum Chef machen, der uns die Grundwerte von Freiheit und Demokratie vorlebt. Einen, der uns zur Not auch beschützt, falls wir von bösen Mächten (aus welchen Teilen der Welt auch immer) bedroht werden oder wieder einmal Gefahr laufen, uns auf unserem Kontinent gegenseitig zu zerstören. Und sollte in der alten Welt doch einmal alles den Bach runter gehen, konnte man vielleicht sein Glück im Land der unbegrenzten Möglichkeiten versuchen, wo selbst Migranten den Traum von Selbstverwirklichung und Wohlstand leben dürfen.

Gefühlt ist diese Zeit nun vorbei. Europa ist uneins und fällt in Teilen bereits auseinander. Weltweit wollen sich Staaten wieder unabhängig und groß(artig) machen.* Populisten und Autokraten sind auf dem Vormarsch. Das gelobte Land der Freien und Tapferen schottet sich ab und (sein Anführer) denkt erst einmal nur an sich.** Ein Apparat aus alternativen Wahrheiten und Einschüchterung befindet sich im Aufbau. Und plötzlich scheint wieder alles möglich. Sogar gewaltsame Maßnahmen, um dem “Schrecklichen Chaos”*** auf dieser Seite des Teichs ein Ende zu bereiten. Es könnten ja auch böse Menschen mit bösen Absichten**** auch von hier aus Pläne schmieden, die angeblich so verhassten Amerikaner zu attackieren. Schließlich beten auch viele Menschen mit europäischen Pässen zum falschen Gott. Und wozu hat man schließlich die Macht über den roten Knopf…

Ich ertappe mich in den letzten Tagen immer wieder mit solchen Gedanken und ärgere mich dann selbst darüber. Denn darüber nachzudenken und ängstlich zu sein bringt tatsächlich niemandem etwas. Aber was sollte man stattdessen tun?

Als erstes wohl, sich aufraffen und wieder ein gesundes Interesse für Politik entwickeln. Versuchen, Entwicklungen und komplexe Zusammenhänge in unserer Welt zu verstehen, auch wenn das anstrengend und frustrierend sein kann. Doch nur so hat man die Chance, negative Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen und Einfluss auf die Dinge zu nehmen. Angesichts der aktuellen Situation, in der die Welt sich befindet, dürfen wir uns nicht mehr zurücklehnen und zuschauen oder gar mitlaufen. Natürlich ist es einfacher, sich auf alte Werte wie Heimat und Religion zu besinnen, aber damit allein lässt sich die Welt nicht mehr erklären. In einem “Super-Wahljahr”, das zum Schicksalsjahr werden könnte, müssen alle, die für Freiheit und Demokratie eintreten wollen, aktiv werden. Sei es im Netz, im Gespräch mit Freunden und Bekannten, zur Not auch auf der Straße. Nicht gewaltsam, nicht voller Hass. Sondern friedlich, mit Vernunft und Argumenten. Ansonsten laufen wir Gefahr, dass wir unsere Trägheit spätestens am 24. September dieses Jahres bitter bereuen und es auf absehbare Zeit keinen Ort mehr gibt, von dem aus wir zuschauen und uns zurücklehnen können.

Schicksalsjahr 2017, Donald Trump, Afd, Demokratie

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/demokratie-in-gefahr-bewegt-euch-kolumne-a-1131895.html