Nordkorea – Einblick in das Laborexperiment des Sozialismus

Nordkorea, das bedeutet in den deutschen Medien Bilder des fast schon komischen Diktators Kim Jong-Un und Nachrichten über weitere Testläufe mit Atomraketen. Viel zu selten gelingt es, einen wirklichen Einblick in das Innenleben jenes Staates zu gewinnen. In dieser Hinsicht ist jener Bericht, der gestern abend in der ARD zu sehen war, eine hervorragende Ausnahme. Eine junge Frau koreanischer Herkunft mit deutscher Staatsbürgerschaft bereist Nordkorea, mit einem Reiseprogramm, das nach ihren Wünschen durch die nordkoreanische Regierung zusammengestellt wurde, und versucht, in Gesprächen mit Kontaktpersonen aus allen Schichten der Bevölkerung, die ihr zugeteilt wurden, das Land wirklich zu verstehen. Sie fragt weniger, als das sie zuhört. Sie versucht nicht, die Menschen anzustacheln, sondern möchte wirklich erfahren, was sie bewegt. Dabei hilft ihr auch ihr kultureller Hintergrund. Herausgekommen ist ein eindrucksvolles Zeugnis aus dem Innenleben einer Diktatur. Ob es sich dabei um eine sozialistische Diktatur handelt, macht eigentlich nicht wirklich den Unterschied aus.

Wichtigster Punkt: Nordkorea ist eine knallharte Leistungsgesellschaft. Alle Gesprächspartner versichern, dass ihr wichtigster Lebensinhalt sei, hart zu arbeiten, um dem großen Führer Marschall Kim Jong-Un zu dienen. Niemandem käme etwas Anderes in den Sinn, und die Konsequenzen werden mehrfach klargemacht. "Wer im Sozialismus nicht arbeitet, soll auch nicht essen," sagt der Leiter des Agrarkollektivs. Gleichen Lohn für alle Arbeiter gibt es in Nordkorea nicht. Wer besser arbeitet, kriegt mehr Lohn, und niemand sieht dies als ungerecht an. Schließlich soll jeder zeigen, wie sehr er den großen Führer liebt, und dafür soll er auch belohnt werden. Ich glaube kaum, dass das der Sozialismus ist, der der hiesigen „Leistungsdruck ist fascho“-Linken vorschwebt.

Das Ganze baut natürlich auf einem starr hierarchischen System auf, an deren Spitze der geliebte Führer Kim Jong-Un steht, der das Ganze mit einem paternalistischen Heldenmythos überstrahlt. Viele der Ansprechpartner berichten, in welcher Weise der Marschall bereits in ihre Arbeitsbereiche eingewirkt hat und wie er sich um das Wohl der Menschen bemüht. Viele berichten, ihre Berufswahl und ihr Arbeitsethos entspringe einzig und alleine dem Wunsch, dem großen Führer besser zu dienen. Ein Bauer erzählt, er sei Traktorfahrer geworden, weil ihm klargeworden sei, dass er so dem großen Führer am Besten dienen könne. Ein Ingenieur berichtet, als er gehört habe, der Marshall sei um zwei Uhr morgens auf seiner Baustelle erschienen, um sich vom Fortgang der Arbeiten zu überzeugen, sei er zu dem Schluss gekommen, dass er noch härter arbeiten müsse, um seinem Vorbild gerecht zu werden.

Den Samstag verbringen die Nordkoreaner nicht, wie der Ingenieur erläutert, mit Freizeit, sondern mit dem Studium politischer Texte. Aber auch jeder Arbeitstag wird mit einer Zusammenkunft eingeläutet, in der die Mitarbeiter auf die politischen Ziele des großen Führers eingeschworen werden. Die dabei verwendeten Texte wirken auf mich eigentlich komplett abstrus. Ich frage mich, ob keine der Textilarbeiterinnen, die im Schneidersitz auf dem Boden sitzend ihrer Vorarbeiterin dabei zuhören, wie diese an sie appelliert, jeder müsse das Pferd der Revolution reiten, auf die Idee kommt, diese Revolution könne oder müsse sich eigentlich auch gegen den großen Führer richten. Aber solche Parolen sind aus anderen diktatorischen Systemen bekannt. Auch Mao forderte von seinem Volk die permanente Revolution und meinte damit in Wahrheit die Zementierung seiner unbeschränkten Herrschaft. Im Grunde also ähnliche Parolen für denselben Tatbestand.

Im Endeffekt handelt es sich also um eine Leistungsgesellschaft, die auf dem Führerprinzip aufgebaut ist. Die genutzten politischen Parolen sind austauschbar und eigentlich nur dann eingängig, wenn man sie bereits in seiner DNA mit sich herumträgt. Der unvoreingenommene Beobachter fragt sich, welchen Unterschied es dabei macht, ob der geliebte Führer Kim Jong-Un, Mao Tse-Tung, Josef Stalin oder Adolf Hitler heißt. Auch die deutschen Arbeiter wurden durch soziale Leistungen wie Kreuzfahrten mit „Kraft durch Freude“ bei Laune gehalten, aber ihre grundlegende Arbeitsmotivation hatte sich auf die Mission des deutschen Volkes zu richten, die durch den Führer personifiziert wurde. Auch der Kommunismus sowjetischer oder chinesischer Prägung hatte klare nationale Elemente. In Nordkorea ist dies wie in einem Laborexperiment immer noch zu besichtigen.

Im Kapitalismus wird der Mensch durch den Menschen ausgebeutet. Im Kommunismus ist es andersherum, lautete ein Witz, der hinter vorgehaltener Hand in der DDR erzählt wurde. Das nordkoreanische Laborexperiment zeigt es wieder einmal. Sozialismus kann nur funktionieren, wenn die Bevölkerung einer Gehirnwäsche unterzogen und auf ein gemeinsames Ziel und einen geliebten Führer eingeschworen wird, und wenn sie dann im Dienste dieses Ziels und dieses Führers willig ausgebeutet wird. In dem deutlich um Neutralität bemühten Bericht wird nicht erwähnt, was mit jenen Menschen passiert, die sich nicht ausbeuten lassen, die sich nicht willig in jene Leistungsgesellschaft einfügen und dem großen Führer ihre bedinungslose Liebe geloben. Die Journalistin wahrt hier in wohltuender Weise die Privatsphäre ihrer Gesprächspartner und fragt beispielsweise nicht nach, was mit den früh verstorbenen Eltern jenes Ingenieurs passierte. Die Existenz von Arbeitslagern in Nordkorea, in denen Personen auf Nimmerwiedersehen verschwinden, ist schließlich bekannt.

Nein, Sozialismus ohne Leistungsdruck, ohne Unterordnung, wie es der europäischen Linken vorschwebt, mit einem Staat, der für alle sorgt, mit einem bedingungslosen Grundeinkommen und der Freiheit der Entfaltung für alle, das funktioniert nicht. Es funktioniert nur, wenn der Staat in der Lage ist, ein solches System durch die Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen zu finanzieren – und wir erleben gerade in Venezuela, wie ein solches System den Bach runtergehen kann – oder wenn sich ein solches System auf die Ausbeutung fremder Arbeitskräfte aufbaut. Ansonsten muss das System halt seine eigene Bevölkerung ausbeuten. Der Bericht über Nordkorea zeigt, wie dies in formvollendeter Weise geschehen kann. Wünschen kann sich das niemand.

Nordkorea

http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/sendung/meine-brueder-und-schwestern-in-nordkorea-100.html

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