Raus aus dem Hamsterrad

Schon lange wollte ich zum für mich persönlich sehr interessanten Thema Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) mal einen Comment schreiben. Irgendwie bin ich bis jetzt noch nicht dazu gekommen, was vor allem daran liegt, dass ich mich erst mal intensiver in die damit verbundenen Argumente einarbeiten wollte, um möglichst wenig Blödsinn abzusondern.

Sorry an Euch: Halbwissen muss vorerst reichen, weil ich bislang ironischerweise nicht dazu gekommen bin, zu diesem Thema vernünftig zu recherchieren. Das liegt v.a. daran, dass sehr viel meiner Zeit und Energie in verschiedene, nicht gerade gut bezahlte Jobs fließt, die mit meiner eigentlichen Qualifikation teils wenig zu tun haben.

Neben meinen Autoren-, Redaktions- und Lektoratsjobs arbeite ich jetzt z.B. schon seit einigen Monaten hinter der Kasse einer großen 24h-Tankstelle. Ja genau, ich bin die Frau, die Euch immer wieder mit der Frage nervt, ob Ihr eine Paybackkarte habt, meistens samstags und sonntags, Früh- und Spätschicht im Wechsel. Dafür bekomme ich 8,50 die Stunde – für's Texten wurde mir oft schon weniger geboten (kann ja schließlich jeder und macht ja auch so viel Spaß, dass man froh sein kann, nicht selbst dafür zahlen zu müssen! Aber das ist ein anderes Lied und soll an anderer Stelle gesungen werden...) Ohne diesen fast jede Wochenendplanung vereitelnden, weil alleine durch das acht Stunden lange Stehen ziemlich zermürbenden Zusatzjob wäre es für mich zur Zeit nicht möglich, „vom Schreiben zu leben“ ohne auf Hartz IV zurückzugreifen.

Nicht nur die meisten Freiberufler*innen, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen, Neugründer*innen usw. kennen das Problem: Vor lauter Broterwerbszwang kommt man viel zu wenig dazu, sich auf die eigenen, durchaus konkreten Projekte und Berufsziele zu konzentrieren und das zu tun, was man eigentlich gelernt hat und tun will - schließlich muss man ja irgendwann auch mal schlafen und die Steuererklärung machen. Auch für z.B. ältere und (durchaus auch DURCH die Arbeit...) gesundheitlich beeinträchtigte Menschen wäre die zur Zeit vieldiskutierte Einführung des BGE eine echte Erleichterung.

Aber nicht nur die o.g. Gruppen würden vom BGE profitieren, sondern die gesamte Gesellschaft wäre ohne die ewige Existenzangst – gewagte These?! – mit Sicherheit besser dran. Gesünder, glücklicher, friedlicher. Freier im Kopf, politisch entspannter – nicht nur weil die unsäglichen Themen wie Hartz IV und unser zunehmend menschenverachtendes Rentensystem usw. endlich aus dem Diskurs verschwunden wären.

Trotzdem gibt es gerade hierzulande natürlich auch wieder viele kritische Stimmen, meistens mal wieder von den üblichen Bedenkenträger*innen, die immer mit mindestens einem Auge darauf schielen, ob der Nachbar nicht vielleicht doch irgendwie mehr hat und weniger leistet als man selbst.

An diese von mir ewig unverstandenen Menschen mal ein Denkanstoß: Selbst wenn der „faule Nachbar“ nach Einführung des BGE beschließt, aus dem Hamsterrad zu springen und nur noch in der Hängematte zu liegen – wo wäre das Problem, wo der Schaden für Euch? Wenn Ihr auch keinen Bock mehr auf Eure Jobs habt, dann lasst sie doch einfach sein und sucht Euch z.B. in Ruhe einen anderen. Und wenn Ihr Eure Jobs doch irgendwie mögt, dann macht sie halt weiter und erfreut Euch an der zusätzlichen monetären Gratifikation; denn die wenigsten sind wohl dazu bereit, mit „nur“, sagen wir, 1000 Euro Grundsicherung im Monat auszukommen.

Diejenigen, die GERNE zur Arbeit gehen, tun das ja in der Regel nicht, weil sie Geld dafür bekommen, sondern weil sie sich gerne aktiv betätigen, ihre Tätigkeiten als sinnvoll erachten, ihre Kolleg*innen zumindest meistens mögen und z.B. lieber Dächer decken, Kinder unterrichten, Tiere verarzten, programmieren oder sonst was tun, das sie gut können und für das sie Anerkennung erfahren, als den ganzen Tag in der Hängematte zu liegen. Und ich wage mal zu behaupten, dass die meisten Menschen gerne zur Arbeit gehen, so lange sie nicht das Gefühl haben, sich in sinnlosen Beschäftigungen mindestens 40 Stunden die Woche körperlich und mental komplett aufzureiben, so wie es nach dem derzeitigen Modell leider oft der Fall ist.

Ein Argument, das man in diesem Zusammenhang immer wieder hört, ist, dass bestimmte Jobs von keinem mehr gemacht werden, wenn die Nötigung durch ökonomische Zwänge wegfällt. Sagen wir, sowas wie Müllentsorgung, Klos putzen usw.

Dazu kann ich persönlich sagen: Wenn ich dafür die Frei- und Sicherheiten hätte, die mir das BGE ermöglichen würde, wäre ich gerne bereit, sagen wir, nach einer Art Rotationsprinzip ein paar Wochen im Jahr irgendwelche Klos zu putzen (mach ich ja jetzt eh schon jedes Wochenende...) oder meinetwegen in der Kläranlage zu arbeiten. Von daher wäre ich sogar mit einigen Bedingungen einverstanden, sollten sie denn nötig sein, um das Grundeinkommen zu ermöglichen.

Last but not least das Gegenargument der utopischen Finanzierung. Eine, wie mir scheint, plausible Rechnung findet sich ja schon in dem referenzierten Video. Darüber hinaus bin ich überzeugt, dass sich in einem durch das BGE langfristig stabilisierten Sozialsystem noch viele weitere ökonomische Vorteile zeigen können, bspw. wenn man Zusammenhänge zwischen sozialem Status und Kriminalität und die damit verbundenen Kosten für den Staat miteinkalkuliert.

Das alles, wie oben schon gesagt, erst mal nur ein paar vorläufige Gedanken und Annahmen; freue mich in jedem Fall über Re-comments von Leuten, die sich schon intensiver mit der Thematik auseinandergesetzt haben und die für mich und viele andere vielversprechende Diskussion weiter voranbringen möchten.

Bedingungsloses Grundeinkommen

http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-227265.html

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