Schwarmintelligenz in der Praxis

In den letzten Jahren ist es gerade aufgrund der aktuellen politischen Entwicklungen in Mode gekommen, die demokratische Willensbildung zu hinterfragen. Blöderweise scheint das Volk nicht in der Lage, nachzuvollziehen, was die Regierenden wollen. Immer wird die Frage gestellt, ob eine Bevölkerung reif genug ist, um über ihre Zukunft selbst zu entscheiden. Natürlich stellt sich in vielen pseudo-demokratischen Staaten der Welt das Problem, dass der normale Wähler seine Wahlentscheidung nicht nach reiflicher Überlegung, sondern aufgrund von Clanzugehörigkeit oder materiellen Erwägungen trifft. Das ist nur menschlich. Selbst in Deutschland gibt es überzeugte Parteimitglieder, denen als Begründung für ihre Mitgliedschaft nur einfällt, bereits ihre Eltern seien in der SPD gewesen, und der Ortsverband habe sich so nett um die Beschaffung einer Wohnung gekümmert.

Allerdings stellt alleine diese Frage, ob eine Bevölkerung reif genug für eine Demokratie ist, den Fragenden unter den Generalverdacht einer paternalistischen Grundhaltung. Eine solche Frage belegt normalerweise, dass der Fragende der Bevölkerung unterstellt, sie sei nicht in der Lage, selbst zu entscheiden, was gut für sie ist – was ja gerade nach der Trump-Wahl, dem Brexit und dem Aufkommen von populistischen Bewegungen in Europa und weltweit infrage gestellt wird. Im Grunde ist das ja nichts Neues. Die politische Motivation der Volkserziehung, die die Grundlage grüner Politik abbildet, ist ja inzwischen auch in der Mitte der Politik angekommen, und die Grundthese, dass der Klimawandel notfalls auch gegen den Willen der Menschen bekämpft werden muss, wird nicht mehr hinterfragt. Wo der Bürger die Zeichen der Zeit, so gesehen von der politischen Klasse, nicht erkennt, muss er halt gelenkt werden.

Wer diese Haltung vertritt, weiß sie auch wohl zu begründen, wie die Medien des Öfteren demonstrieren. Er geht allerdings auch von einem Menschenbild aus, das die eigenen positiven Ansätze grundlegend verrät. Wer davon ausgeht, dass man den Menschen notfalls auch mit Zwang davon abhalten muss, dem Konsumrausch anheimzufallen, geht davon aus, dass der Mensch im Normalfall nicht in der Lage ist, selbst und aus eigenem Antrieb Maß zu halten. Wer glaubt, dass man dem Menschen nur mit Horrorgeschichten vom bevorstehenden Weltuntergang die Notwendigkeit von klimaschonenden Maßnahmen nahebringen kann, geht davon aus, dass der Mensch nicht aus eigener Überlegung zu der Überzeugung kommen kann, dass diese Maßnahmen angebracht sind. Er verhält sich so wie die Mutter aus der Geschichte von Wilhelm Busch, die ihrem Sohn sagt, wenn er seinen Finger in den Mund stecke, werde der böse Schneider kommen und ihn abschneiden. Er sieht sich damit in der Position eines Erwachsenen, der von lauter dummen Kindern umgeben ist, die es notfalls auch mit drastischen Maßnahmen zu erziehen gilt. Ein solcher Standpunkt ist durch und durch autoritär, und er hat mit Demokratie nichts zu tun.

Ich glaube ja an die Schwarmintelligenz. Frage eine ausreichende Menge von Personen hinsichtlich irgendeiner Fragestellung, zeige ihnen, dass Du es ernst meinst und gehe nicht mit einer vorgefertigten Lösung zu ihnen, und Du wirst merken, dass die Menschen im Grunde genommen eine ganz gute Ahnung von dem haben, was gut für sie ist. Im Grunde ist das ja die Theorie, auf der Demokratie aufbaut, ob man nun einen Kunstbegriff wie Volkswillen darüberlegt oder nicht. Demokratie als Herrschaft des Volkes geht davon aus, dass die Herrschaft in einer Art und Weise ausgeübt wird, die dem Volkswillen entspricht – und nicht dem Willen einer politischen Klasse, die davon ausgeht, dass sie besser als das Volk weiß, was zu geschehen hat, eine Haltung, die zuletzt ja auch anlässlich von missliebig verlaufenden Referenden durch EU-Vertreter geäußert wurde.

Natürlich kann man die Frage stellen, ob die neueren Entwicklungen in Europa und den USA und das Nicht-Funktionieren der Demokratien in vielen Teilen der Welt diese Theorie, den Glauben an die Schwarmintelligenz, nicht infrage stellen. Und natürlich sollte man anmerken, dass es für die Ausübung der demokratischen Rechte einer grundlegenden Bildung und eines Bewusstseins hierüber bedarf. Wer seine Stimme abgibt, sollte davon ausgehen können, dass er mit seiner Stimmabgabe etwas bewirkt, oder er kann sich die Stimmabgabe sparen oder seine Stimme an den Meistbietenden verkaufen. Oder er kann seine Stimme in einer anscheinend irrationalen Reaktion auf seine eigene Machtlosigkeit einem Populisten geben, solange dieser nur das System angreift, diejenigen Institutionen, die der Einzelne für seine Machtlosigkeit verantwortlich macht.

Und das wäre auch eine Erklärung für das Aufkommen von populistischen Bewegungen wie der AfD, des Front National, der Vier-Sterne-Bewegung und anderer Gruppierungen, die in Zeiten politischer Normalität allerhöchstens als Stammtisch (auf der konservativen Seite) oder als Spontis (auf der linken Seite) durchgegangen wären. Ihre Popularität entspringt der Tatsache, dass eine wachsende Zahl von Bürgern zu dem Schluss gekommen ist, dass sie vom politischen Mainstream nicht mehr vertreten werden, dass sie im politischen Diskurs keine Stimme erhalten, dass jeder Mensch, der ihre Denkansätze vertritt, bewusst zum Schweigen gebracht wird. Wie die Vorgänge um den durch einen Mitarbeiter einer Werbeagentur losgetretenen Werbeboykott gegen das Portal Achse des Guten belegt, ist diese Entwicklung eine Tatsache, und sie hat unter dieser Bundesregierung erst wirklich Fahrt aufgenommen.

Ich halte nichts davon, die Qualitäten des Bürgers im demokratischen Prozess anzuzweifeln, denn das spielt nur denjenigen in die Hände, die in der Lage sind, den politischen Prozess zu steuern. Ich halte nichts von Modellen zur Modifikation des demokratischen Prozesses durch Inklusion von Nicht-Regierungsorganisationen, da dies Modell problemlos durch die politischen Player nutzbar ist und so eine Illusion einer politischen Vertretung des Bürgers erzeugt werden kann, die in Wahrheit nicht besteht. Ich halte nichts davon, politische Diskurse unter Teilnehmerbeschränkungen zu führen und grundsätzlich all jene auszuschließen, die dem Mainstream nicht entsprechen. Viel eher würde ich dafür plädieren, dass die Handelnden der Politik von Zeit zu Zeit ihren geschützten Raum, ihren Safe Space der Politik, verlassen und herausfinden, was die Menschen wirklich bedrückt, offen und vorurteilslos, selbst wenn dies die Aufgabe des eigenen politischen Primats bedeuten würde, dass sie sich nicht nur im Wahlkampf an den Bürger wenden, sondern auch sonst, wenn keine Wahl ansteht, und dass sie nicht nur zu dem Bürger sprechen, sondern ihm auch zuhören. Dies könnte im Endeffekt einen Lernprozess mit sich bringen, von dem nicht nur die Regierten, sondern auch die Regierenden profitieren.

Demokratie

http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/plaedoyer-fuer-die-lokale-polis-sind-wir-geeignet-fuer-die-demokratie-ld.133687