Taube Gaumen

Der Text von Katharina hat mich auf einen Aspekt der Thematik gebracht, zu dem ich schonmal etwas schreiben wollte. Zunächst denke ich, dass das Horten von Sachen und unsere Art uns zu ernähren einfach ein veralteter Überlebensmodus ist. Wir neigen zum Überfressen, weil könnte ja lange nichts mehr geben. Und wir horten gerne Zeug aus demselben Grund. Irgendwie ist ein Teil des Tiers "Mensch" noch nicht wirklich in unserer modernen Zeit angekommen. Und dieser Teil macht uns zur einfachen Beute. Wir fressen willig jedes Stück Speck, das man uns hinhält. Willentlich damit aufzuhören fällt sehr schwer. Selbst in finanziell knappen Zeiten, unter dem Vorsatz, nur das eine überlebensnotwendige Irgendwas zu kaufen, hat man dann doch wieder fünf Sachen mehr in sämtlichen Händen, die man schwitzend zur Supermarktkasse jongliert. Weil einen Einkaufswagen hat man ja schließlich nicht gebraucht! Wegen dem einen Duschgel. Und dann halt noch die zwei Schokoriegel. Die Flasche Cola. Die Fleischwurst. Und die Packung Kosakenzipfel. Am besten noch eine Wassermelone, man hat ja noch den linken kleinen Finger frei…. Deswegen nehme ich seit geraumer Zeig grundsätzlich immer einen Einkaufswagen. Ich kenne mich.

Weniger zu brauchen ist natürlich gut. Man hat länger Kohle und gesund ist es meistens zudem. Seit über einem Jahr fresse ich deutlich weniger und merke das an allen Fronten. Noch etwas hat sich verändert. Meine Toleranz weniger "gefälligen" Lebensmitteln gegenüber ist gewachsen. Das Verknappen der Nahrungszufuhr trainiert den Gaumen. Umgekehrt könnte man auch sagen: Das Bombardement mit industriellem Fressen verblödet das Geschmacksempfinden. Junkfood arbeitet mit brutalen Mitteln seine Kundschaft abzurichten und zu binden. Zuviel Zucker, Fett und Geschmacksstoffe sollen den Gaumen unempfindlich machen, damit anderes kaum noch schmeckt. Zuletzt war ich bei vier Teelöffeln Zucker angelangt, um meine Tasse Kaffee in eine halbwegs erträgliche Brühe zu verwandeln. Einen Teelöffel Zucker war ich gar nicht mehr in der Lage herauszuschmecken. Die Fresse wird taub mit der Zeit. Der Triumpf des Junkfoods.

In letzter Zeit habe ich also eine interessante Veränderung bei mir festgestellt. Seit ich weniger esse und auf Zucker weitgehend verzichte merke ich, wie mein Geschmacksempfinden wieder erwacht. Mir schmecken Sachen, die hätten mir früher nichtmal ein müdes Lächeln abgerungen. Nahrung in seiner einfachsten Form enthält in der Regel schon ausreichend genug. Man braucht keine überfrachteten Lebensmittel um zu überleben. Man braucht ja auch keine fünf Pullover um nicht zu frieren. Hätte man sie aber ständig am Leib, müsste man sich nicht wundern, dass man mit nur einem Pullover in einem wohl temperierten Raum friert.

Der Überfluss hat uns verdorben. Wir sind der Industrie auf den Leim gegangen, die uns nach Strich und Faden manipuliert. Und wir können kaum anders. Ein bisschen ist das der mächtige Ruf der Natur, der ihr da in die Hände spielt. Aber wehe wir würden alle vernünftiger und konsumierten nicht mehr so viel. Das hätte wohl verheerende Auswirkungen auf die Wirtschaft. So gesehen stecken wir in der Falle. Unsere Konsumwelt ist von Grund auf verkorkst.

Massenkonsum

http://www.huffingtonpost.de/pia-mester/konsum-materialismus-uberfluss-gesellschaft_b_11157064.html

Anzeige: