"The Fog" (1980)

Carpenters "The Fog" ist für mich einer dieser besonderen Filme, die einmal im Jahr, vorzugsweise im Oktober, sein müssen. Zum einen ist er toll. Zum anderen ein Ticket in meine Kindheit. Eine dieser verheißungsvollen Erfahrungen, denen ein langes Ausharren vorausging und die den Moment des "Endlichsehendürfens" so besonders machten. In jungen Jahren passierte mir das häufig. Schulkameraden hatten diverse Erwachsenen-Horrorfilme, wie z.B. "Alien" dank liberaler Eltern bereits via Homevideo gesehen und ich wurde monatelang geteast, indem ich mir die Handlungen immer und immerwieder erzählen ließ, ich musste mir meine eigenen Versionen zunächst sozusagen im Kopf selber schnitzen. Die Stories und Settings faszinierten mich, ich tagträumte unentwegt, um mein Verlangen auf diese Weise zu stillen. "The Fog" war einer von ihnen.

In dem kleinen amerikanischen Küstenstädtchen Antonio Bay geschieht Absonderliches kurz vor den anstehenden Feierlichkeiten seines hundertjährigen Bestehens. Unbelebte Dinge entwickeln ein Eigenleben, Menschen verschwinden, die Natur macht komische Sachen. So zum Beispiel der Nebel, der sich um Windrichtungen nicht mehr zu scheren scheint. In ihm lauert der handfeste Tod, ausgestattet mit Säbeln, Haken und anderen Eisenwaren…

Es gibt einen alles überschauenden Leuchtturm, in dem der lokale Radiosender K.A.B. beheimatet ist, in dem Stevie Wayne in einsamen Nächten alleine ihren Dienst versieht. Zwischen ihr, einigen Bewohnern und "Vorbeigeschneiten" spielt sich im Wesentlichen alles ab. Da gibt es Nick Castle (Tom Atkins), der mit einer Anhalterin namens Elizabeth (Jamie Lee Curtis) anbandelt und sich mit ihr auf die Suche nach dem vermissten Kutter macht, mit dem seine Kumpels immer zum Saufen rausfahren und der von seiner letzten Tour nicht zurückkehrte. Da ist Kathy Williams (Janet Leigh), die gestresste Bürgermeisterin, die mit ihrer gelangweilten aber empathischen Assistentin tief in den Vorbereitungen zu den Festivitäten steckt und von Pater Malone (Hal Halbrook) zu hören bekommt, dass so eine Feier vielleicht keine so gute Idee sei. Der Pater zwitschert ganz gerne einen und kann es offenkundig auch nicht mehr lassen. Er findet ein Tagebuch…, nein, eigentlich findet es ja ihn, indem es dem Gottesmann in der Sakristei ein Stück Mauerwerk vor den Latz knallt, hinter dem es sich versteckt hielt, und nicht nur das befindet sich in dem Loch…. Aus diesem Tagebuch erfährt er letztlich, wie es einst zur Gründung von Antonio Bay kam und dass die Ehrung ihrer Gründer eine bittere Farce darstellt. Stevie aus dem Leuchtturm hat einen kleinen Sohn Andy, der plötzlich seltsames Zeug vom Strand heimbringt und der von einer Omi aus dem Bilderbuch gehütet wird, wenn Mami im Sender zu tun hat. Einen Vater gibt es nicht mehr, aber Stevie unterhält eine herzige Fernbeziehung zu einem "Wetterfrosch", der sie und ihre Radioshow regelmäßig mit meteorologischen News versorgt. Man hat sich noch nie gesehen, kennt sich nur vom Hören. Aber das findet Stevie gerade gut. Ich mag die alle. Die Charaktere sind aus Fleisch uns Blut, mir durch die Bank weg nicht egal. Wenn der Nebel kommt geraten sie in arge Bedrängnis und der eine oder andere springt über die rostige Klinge.

Das ist Lagerfeuer-Horror in den Händen eines meisterhaften Erzählers, der mit allen Tricks arbeitet und das Sujet doch angenehm in seiner "pulpigen" Umgebung belässt. Passend und stimmig beginnt der Film ja auch mit einer Lagerfeuergeschichte. Die grundlegende Handlung ist simpel und gut, genau richtig für soetwas. Carpenter ist nicht nur visuell ein Fuchs, er weiß wie wichtig Sound ist. "The Fog" lebt zur Hälfte vom Sound-Design. Gore gibt es kaum zu sehen. Aber zu hören. Wenn die Gestalten aus dem Nebel zuschlagen, dann erledigt der Sound den fehlenden Splatter und das ist nicht minder derb. Überhaupt wird mit dem, was man auf die Ohren bekommt, gezaubert. Man badet in melancholischen Stimmungen, sei es frühmorgendlich fröstelnde Schlaftrunkenheit oder weitläufige Einsamkeit. Wenn Stevie die endlosen Stufen zu ihrem Leuchtturm bezwingt fühlt man die angenehme Verlorenheit am Tor zur Unendlichkeit der kalten See, die das Leben der Einwohner eines solchen Ortes wohl prägt. Alles scheint ein wenig betulicher und versonnener vonstatten zu gehen. Das einzufangen, dabei helfen auch interessante Soundcollagen.

Häufig ist das Radiogedudel von K.A.B. im Hintergrund zu hören, dessen Musikauswahl ebenfalls äußerst chillig anmutet. Man wundert sich schon manchmal, dass sämtliche Küstenbewohner nicht längst in ein Wachkoma gefallen sind. Dazu gesellt sich Carpenters genialer Synth-Score, der mal entsprechend schwermütig angelegt ist, oder die Suspense in Zeiten physischer Bedrohung gekonnt an den Anschlag fährt. Schön auch, wie er häufig gar auf Musik verzichtet und die Geräuschkulisse vollständig übernehmen lässt. Besonders gut gefallen mir da der Titelvorspann und der Moment, wenn das Wasser aus dem vom Sohnemann angeschleppten Stück Holz über ihre Jingle-Maschine suppt und die Abspielgeschwindigkeit des Jingle-Tapes bremst. Weshalb sie so ein morsches Trumm mit in ihren Leuchtturm nimmt weiß nur der Gott des Pulps, aber achtet mal darauf, was statt der Jingles dann tatsächlich zu hören ist. Ich liebe sonen Scheiß!

Die beste Sequenz ist wohl die, wenn Pater Malone der Bürgermeisterin und ihrer Assistentin aus dem Tagebuch vorliest, während abwechselnd gezeigt wird, wie sich Nick und Elizabeth auf die Suche nach dem vermissten Kutter der Saufkumpane machen. Alles kulminiert erzählerisch exquisit vorbereitet in einem netten Schock am Ende.

Es gibt genügend tolle Momente in diesem salzigsüßen Grusel-Bonbon und ich habe es einfach unwahrscheinlich lieb. Bald ist Halloween. Die beste Zeit für derlei düsteres Zeug. Bitte kucken!

Horrorfilm, Horrorfilm Klassiker, John Carpenter

https://youtu.be/cwSbRKd_J8k

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