Über die „entartete“ Rhetorik

Politische Diskussionen im Internet über kollidierende Werteverständnisse strotzen nur von fälschlich angewandter Rhetorik und wüsten Diffamierungen. Wer nach einer vernünftigen Fundierung starker Behauptungen sucht, wird meist bitter enttäuscht. Gegnern dieser Hasskultur, meine Wenigkeit eingeschlossen, wird häufig vorgeworfen, mit ihrem Streben nach einer sachlichen Debattenkultur einen Zustand der Political-Correctness kreieren zu wollen. Dies ist jedoch eine unreflektierte und schlicht nicht zutreffende Behauptung.
Höfliche Umgangsformen haben nichts mit Zensur, sondern mit einer gewissen Würde zu tun, die man auch seinen politischen Gegnern anerkennen sollte. Denn, wer eine Rhetorik des Hasses etabliert, der hat sich nicht zu wundern, wenn diese ihn später selber ereilt. Ohne diese Menschenwürde, die jedem Menschen laut Grundgesetz zuteilwird, ist ein fundierter, politischer Diskurs nicht möglich und vertieft nur die Kluft zwischen den vorherrschenden Ausrichtungen auf der politischen Bühne Deutschlands.
Aufgrund eines hitzigen Gemütes scheint es nur Wenigen möglich zu sein, einen differenzierten Beitrag zu würdigen und entsprechend zu verwerten. Besonders prekär wird die Situation jedoch, wenn übliche Formulierungen übernommen werden, die der nationalsozialistischen Szene zugeordnet werden. So wird Jennifer Rostock beispielsweise als entartete, also volksfremde Sängerin bezeichnet. Dies ist jedoch eine inakzeptable Formulierung, da sie eine faschistische Ideologie etabliert, die im Kontrast zu unserem gesellschaftlichen Wertekonsens steht.
Auch das Grundgesetz definiert die Diskrepanz zwischen Meinung und Hetze recht präzise. So ist eine getroffene Aussage als Hetze zu verstehen, wenn sie die Menschenwürde von Personenmehrheiten dadurch angreift, dass diese beschimpft, böswillig verächtlich gemacht oder verleumdet werden. Wer also unreflektierend und pauschalisierend kommentiert, verliert nicht nur seine moralische Glaubwürdigkeit, sondern kann in besonders gravierenden Fällen auch einen Straftatbestand erfüllen. Wer sich also einbildet, dass seine Meinung zensiert wird, der sollte beginnen seine schwächelnde Rhetorik zu optimieren und nicht die "Linksgrünversiffte" Medienlandschaft dafür zur Rechenschaft ziehen zu wollen
Wenn anlässlich der Feier zur deutschen Einheit in Dresden Sprechchöre ertönen, die die gewalttätige Amtsenthebung der Kanzlerin fordern oder gar ihren Tod, dann ist das kein Ausdruck politischen Unmuts, sondern ein schwerwiegendes Vergehen gegen die Menschenwürde. Wer sich anmaßt die abendländische Kultur durch Diffamierungen zu verteidigen, greift diese ironischerweise auf schamlosen Wege an.
Albert von Boguslowski sagte einst über die Unschicklichkeit von unfundierten Diskreditierungen: "Der gebildete Mann soll Beleidigungen, selbst im Ton und Ausdruck auf das Sorgfältigste vermeiden: Beleidigungen, die nur auf Missverständnissen, Erregungen, Übereilungen beruhen, müssen unter allen Umständen ausgeglichen werden, es ist eine Ehrenpflicht, die nötigen Erklärungen zu geben."
Niemand versucht also einen politischen Dialog zu zensieren. Es geht vielmehr um die Erhaltung einer Kultur der höflichen und sachlichen Umgangsformen, die bei vielen politischen Diskursen verloren geht und die Debattenkultur nachhaltig verändert.

Hatespeech